die Berichte

Berichte 01.09. – 15.09.2026

1.  September 2026

Swakopmund – ein Stück Deutschland in Namibia

Swakopmund ist wohl die «deutscheste» Stadt Namibias. Kaum irgendwo sonst ist die deutsche Kolonialzeit noch so deutlich im Stadtbild erhalten: Fachwerkhäuser, das alte Amtsgericht, deutsche Strassennamen, Apotheken mit Reichsadler und überall Gebäude mit Namen aus der Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Und in jedem Geschäft spricht man offenbar Deutsch.

1892 gründete der deutsche Hauptmann Curt von François Swakopmund als Hafen für die Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Von hier führte später die Eisenbahn ins Landesinnere.

Hinter dieser hübschen deutschen Kulisse steckt auch hier eine sehr dunkle Geschichte. Während des Krieges gegen die Herero und Nama wurden in Swakopmund Gefangenenlager eingerichtet. Menschen wurden gefangen gehalten und zur Zwangsarbeit eingesetzt. Wie bereits erwähnt, bedeutete auch die deutsche Kolonialherrschaft für die einheimische Bevölkerung Enteignung, Gewalt und schliesslich einen Vernichtungskrieg. 

Deutschland erkennt die Ereignisse von 1904 bis 1908 heute als Völkermord an.

Besonders nachdenklich macht mich das Marine-Denkmal. Es wurde 1908 zur Erinnerung an deutsche Soldaten errichtet, die bei der Niederschlagung des Aufstands der Herero und Nama gefallen waren. Hier werden also noch immer die deutschen Soldaten geehrt, während die Erinnerung an die Opfer dieser deutschen Kolonialherrschaft lange kaum einen Platz hatte.

Auch die Geschichte der menschlichen Überreste ist schwer zu ertragen. Schädel und Gebeine von Herero und Nama wurden während und nach der Kolonialzeit nach Deutschland gebracht und für anthropologische und medizinische Forschungen verwendet. Ein Teil davon befand sich noch mehr als hundert Jahre später in deutschen Universitäts- und Museumssammlungen. Einige wurden inzwischen nach Namibia zurückgebracht. Andere menschliche Überreste müssen noch immer aufgearbeitet und identifiziert werden.

Man sagt hier manchmal, die Erde Namibias sei so rot, weil so viel Blut in ihr vergossen wurde. Natürlich ist das keine geologische Erklärung. Aber als Bild ist es beklemmend.

Wie lebt man eigentlich als deutscher Einwanderer oder als Nachkomme deutscher Siedler mit diesem Erbe? Man lebt in einer Stadt, deren Häuser, Sprache und Strassennamen an die eigenen Vorfahren erinnern. Gleichzeitig sind diese Häuser Teil einer Geschichte, die für die Nachkommen der Herero und Nama mit Vertreibung, Zwangsarbeit und Völkermord verbunden ist.

 

2. September 2026

Swakopmund

Heute verbringe ich den Tag in Swakopmund mit Waschen, Entstauben, Bummeln und dem Aufarbeiten meiner Fotos. Nach den vielen Reisetagen tut ein etwas ruhigerer Tag ganz gut.

Swakop geht auf den Namen des Flusses zurück. Er stammt wahrscheinlich aus der Nama-Sprache und wird meist sinngemäss als „Ort des Schlicks, Drecks“ – eine Anspielung darauf, dass der Swakop-Fluss bei Hochwasser viel Schlamm und angeschwemmtes Material ins Meer trägt. Und Mund ist schlicht das deutsche Wort für Flussmündung. Der deutsche Kolonialname Swakopmund bedeutet also ungefähr „Mündung des Swakop“.

 

3. September 2026

Sperrgebiete

Namibia hat viele Sperrgebiete und Nationalparks, und überall braucht es Bewilligungen – und natürlich kosten diese auch etwas. Ich frage mich, wie viel Fläche hier eigentlich nicht einfach frei zugänglich ist. Namibia hat wie bereits erwähnt rund 824’000 km² Fläche. Die 20 staatlichen Schutzgebiete umfassen zusammen etwa 17 Prozent des Landes. Dazu kommt das riesige ehemalige Diamantensperrgebiet im Südwesten: das heutige Tsau-ǁKhaeb-Sperrgebiet umfasst rund 26’000 km², also etwa drei Prozent der Landesfläche.*

Es gibt aber nicht nur Diamanten. Hier in der Mondlandschaft bei Swakopmund wird auch Uran abgebaut beziehungsweise für den Abbau vorbereitet. Namibia gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigen Uranproduzenten der Welt. Ganz in der Nähe liegt das Etango-Uranprojekt von Bannerman Energy, rund 30 Kilometer südöstlich von Swakopmund. Bannerman ist ein australisches, börsenkotiertes Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von Uranminen konzentriert. Etango besitzt gewaltige Uranvorkommen und befindet sich inzwischen in der Phase der vorbereitenden Bauarbeiten. Für die geplante Mine sind mehr als 15 Jahre Betriebsdauer vorgesehen.*

Am Swakopfluss, der momentan allerdings überhaupt kein Fluss ist, finde ich einen wunderbaren, freien Campingplatz. Kein Mensch weit und breit. Unter einem abgestorbenen Baum steht sogar ein kleiner Tisch – Luxus in der Wüste!

Am Abend versuche ich mich in der Sternenfotografie. Der Sternenhimmel ist absolut beeindruckend, aber auf meinen Bildern leider überhaupt nicht. Ich merke, dass ich darüber wohl noch etwas nachlesen muss. Am liebsten würde ich einfach am Boden liegen und in den Himmel schauen. Dafür ist es allerdings etwas zu kalt. Und dieser feine Sand überall – im Pyjama muss das nun wirklich nicht sein.

Nachts sinkt die Temperatur auf etwa 5 Grad. Irgendwann wache ich auf, weil ich nichts höre. Gar nichts. Am Abend sind noch irgendwelche komischen Tierstimmen zu hören, aber mitten in der Nacht herrscht eine derartige Stille, dass mich schliesslich meine eigenen Herztöne wecken.

Nachtrag für die nächste Nacht: Für den Sternenhimmel muss ich die Kamera manuell einstellen: möglichst offene Blende, etwa f/2.8, ISO ungefähr 3200, Belichtungszeit etwa 15–25 Sekunden, manueller Fokus auf einen hellen Stern und möglichst RAW fotografieren. Stativ natürlich vorausgesetzt.* Dann sollte vielleicht auch die Milchstrasse irgendwann auf meinen Bildern so aussehen, wie sie hier oben tatsächlich aussieht.

*(Diese Infos habe ich von Google KI).

 

4. September 2026

Die Explosion

Schon fast wäre ich heute durch die Luft geflogen. Jetzt weiss ich wenigstens, dass diese Schilder hier tatsächlich ernst zu nehmen sind. Immer wieder steht da: „Nicht betreten – aktive Mine.“ Was immer das auch genau heissen mag…

Ich befinde mich in einem Naturschutzgebiet, in dem es einen Trail gibt, auf dem man verschiedene interessante Gesteinsformationen bewundern kann. Also steige ich aus und gehe ein paar Schritte vom Weg weg, um ein paar Fotos zu machen. Und plötzlich gibt es eine ganze Serie von gewaltigen Knallen.

Etwa einen Kilometer von mir entfernt steigt eine vielleicht 200 Meter hohe Staubwolke in den Himmel. Sie breitet sich langsam aus und zieht glücklicherweise in eine andere Richtung. Sonst hätte ich wohl ziemlich staubig dagestanden. Hier gibt es schliesslich Uranminen – und dort wird offenbar besser nicht fotografiert.

Die Strasse ist eigentlich ganz hübsch. Sie führt mich vom Swakop River, der immer noch kein River ist, zum Bloodkop und von dort noch etwa 120 Kilometer durch das Naturschutzgebiet. Die Piste besteht teilweise aus tiefem Sand. Einmal muss ich sogar rückwärts wieder heraus und ordentlich Luft aus den Reifen lassen – bis auf 1,8 bar. Sonst wäre das Kamel vermutlich mehrmals bis zum Bauch im Sand verschwunden.

Aber ich schaffe es tatsächlich, die ganzen 120 Kilometer zu fahren, ohne das Kamel auch nur einmal zu vergraben.

Denn ich habe nämlich überhaupt keine Lust zum Schaufeln.

 

5. September 2026
Übernachten in der Höhe

Auf 1800 Metern übernachte ich am Us Pass. Zuerst ist es ziemlich windig, aber die Nacht wird ruhig. Ich stehe in der Nähe der Strasse – und von 18 Uhr bis heute Morgen um 9 Uhr fährt kein einziges Auto vorbei. Eine Farmerin erzählt mir später, dass hier normalerweise gerade mal ein bis zwei Autos pro Tag unterwegs sind.

Ich bin eigentlich auf der Suche nach der Farm, die einmal meinem Ex-Nachbarn Chlöisu S. gehört hat. Vielleicht finde ich sie ja noch.

Die Landschaft ist wunderbar: Überall liegen Quarzsteine, die in der Sonne glitzern und glimmern. Die Passstrasse ist überraschend gut befahrbar. Nur die Dornensträucher sind weniger freundlich. Einer davon reisst mir sogar den Schlafsack auf. Zum Glück gibt es Panzerband.

Und Schaufeln musste ich natürlich trotzdem. Insiderwissen.

Ich sehe auch Affen, die sich hier oben das Land mit den Kühen teilen. Wäre auch eine Alpwirtschaftsversion, oder?…

 

6. September 2026
Wichtracher verkaufte Land in Namibia

Von vielen Farmen am Us Pass habe ich Fotos gemacht und zwei davon sogar besucht. Ich glaube, ich habe sie gefunden: die Farm Hochland am Us Pass.

DEr alte Farmer ist traurigerweise sehr dement geworden. Sein Sohn und dessen Frau sind in Swakopmund. Nun habe ich die Bilder an Chlöisu S. geschickt und warte gespannt auf eine Antwort. Er ist allerdings gerade auf Büffeljagd in Südafrika und deshalb nur schwer erreichbar. Also heisst es warten.

Unterdessen erreiche ich Windhoek. Heute ist Ruhetag: aufräumen, Wäsche waschen und einfach einmal nichts müssen. Sonntag.

 

 

7.  September 2026

Namibia und China

Gestern erzählt mir jemand, in Namibia würden rund 150’000 Chinesen leben. Das erstaunt mich, denn eine grössere Anzahl ist mir bisher überhaupt nicht aufgefallen. Ich beginne deshalb zu recherchieren. Die Zahl erweist sich offenbar als deutlich übertrieben: Tatsächlich leben in Namibia nur etwa 1’700 chinesische Staatsbürger. Diese Zahl nennt auch die Chinesische Botschaft in Namibia.

Ganz anders sieht es bei der wirtschaftlichen Präsenz Chinas aus. Vor allem im Uranbergbau ist China stark engagiert. Die grossen Uranminen Husab und Rössing befinden sich mehrheitlich in chinesischem Besitz. Dazu kommen Investitionen in Infrastruktur, Bergbau, Wasser, Telekommunikation und andere Bereiche. (World Nuclear Association)

Das macht vor allem auch der schwarzen Bevölkerung Sorgen, weil dabei enorme Landstriche des Buschlandes verändert werden. (Der Buschmann meint, dass die Ausländer nun tiefste Löcher graben und die bösen Bakterien und Viren, welche Millionen von Jahren eingeschlossen waren, freigesetzt würden. Und die Ausländer würden dann einfach abhauen – die Namibier hätten dann das Nachsehen).

Ein Buschmann erzählte mir zudem, dass von den Gewinnen aus den Rohstoffen seines Landes bis zu 70 Prozent ins Ausland abfliessen und nur 30 Prozent in Namibia bleiben. Eine solche pauschale Zahl kann ich nicht belegen. Sie macht aber auf ein reales Problem aufmerksam: Ein grosser Teil des namibischen Bergbaus befindet sich in ausländischer Hand. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wer die Rohstoffe abbaut, sondern wie viel der daraus entstehenden Wertschöpfung tatsächlich bei den Menschen in Namibia bleibt.

Interessant ist, dass Namibia durch die grossen Öl- und Gasfunde vor seiner Südküste zusätzlich ins internationale Interesse rückt. Neben chinesischen sind auch amerikanische, europäische und brasilianische Unternehmen aktiv. Namibia wird damit zunehmend zum Schauplatz des weltweiten Wettbewerbs um Rohstoffe und Energie. (Reuters)

Ja, wer profitiert hier von den Rohstoffen – und welchen Preis bezahlt Namibia dafür?

Vorgestern erlebe ich ganz in der Nähe eine Sprengung in einer Mine. Solche Eingriffe verändern die Landschaft gewaltig. In einem Land, dessen besondere Schönheit gerade in seiner scheinbar unberührten Natur liegt, stellt sich deshalb auch die Frage, wie viel dieser Natur für den Rohstoffboom geopfert wird.

 

8. September 2026
Die Autobahnen

Namibia hat eigentlich nur zwei Autobahnen.

Die A1 verbindet als mehrspuriger Freeway die Hauptstadt Windhoek mit Okahandja. Die A2 bildet das Gegenstück an der Küste und führt von Swakopmund nach Walvis Bay.

Und was man auf diesen Autobahnen alles antreffen kann! Rennvelofahrer fahren mitten im Verkehr, während die Mountainbiker den «grünen» Mittelstreifen benutzen – einen breiten Schotter-Streifen zwischen den Fahrbahnen.

Auf der Autobahn joggt und wandert man auch – irgendwie scheint hier jeder seinen eigenen Weg zu finden, die Autobahn zu benutzen.

Auch China ist auf Namibias Autobahnen präsent: Der Ausbau der Strasse vom Flughafen nach Windhoek wurde in einem Teilabschnitt mit chinesischer Unterstützung als Geschenk und nicht als Kredit.

 

9. September 2026
Wasser in Windhoek

Ich bin am Putzen. Teilweise räume ich heute auch das Kamel aus. Und was passiert?

Seit zwei Monaten bin ich ganz ohne Regen unterwegs. Doch genau heute, als ich plane und schon mal die Matratzen ausbreite, beginnt es zu tröpfeln. Nicht viel, aber immerhin. Grrr!

Windhoek verdankt seine Entstehung dem Wasser. Die Nama nannten den Ort «/Ai-//Gams», ungefähr „Feuerwasser“, und die Herero Otjomuise, „Ort des Dampfes“. Gemeint sind die Quellen und heissen Quellen, die es hier einst gab. Wasser war der Grund, weshalb sich Menschen gerade an diesem Ort niederliessen.

Heute reicht das natürliche Wasser längst nicht mehr. Windhoek liegt in einer der trockensten Regionen Afrikas, gleichzeitig wächst die Stadt. Das Wasser kommt deshalb aus Talsperren, aus Grundwasser und – ziemlich beeindruckend – auch aus gereinigtem Abwasser. Seit längerer Zeit wird hier aufbereitetes Abwasser wieder zu Trinkwasser gemacht.

Ja, überall in den Toiletten findet man Aufrufe, Wasser zu sparen. Wird das in Europa bald auch so kommen?

Und während ich darüber nachdenke, tröpfelt es weiter auf meine frisch ausgelegten Matratzen.

 

10.–15. September 2026
Abschluss der Etappe

Nun möchte ich mich mit dem Schreiben für eine Weile etwas zurückhalten. Die letzten Wochen waren voller Eindrücke, und irgendwann muss auch das schreibende Kamel einmal durchatmen.

Wenn noch etwas Besonderes passiert, werde ich daraus einen kurzen Bericht machen. Ansonsten ist diese Etappe hier mal abgeschlossen.

Voraussichtlich geht es im Mai 2027 weiter.

Bis dahin ruht das Kamel in Namibia – und ich hoffe, dass es sich vom Geholper erholen kann.

Tschou zäme!