16. August 2026
Rooi Windpomp
Das war eine recht einsame Nacht im Nationalpark Tankwa Karoo. Es gibt eigens vorgesehene Plätze, wo man campieren darf. Ich war aber weit und breit der Einzige auf diesem Platz.
Die Sterne waren unbeschreiblich. Hier gibt es absolut keinen Lichtsmog. Und die Stille ist schon sehr sonderbar. In der Gegend gibt es offenbar nicht einmal Nachtvögel – ausser mir.
Aber früh morgens werde ich dann doch positiv überrascht. Ich begegne Springböcken und Bergzebras, auch ein paar Strausse gibt es. Die sind mir aber definitiv zu schnell. Sie erreichen hohe Geschwindigkeiten, bis zu 70 km/h im Sprint. Rund 50 km/h kann das Afrikanische Strauß etwa eine halbe Stunde lang durchhalten. Da kann selbst das Kamel kaum folgen.
Doch einmal gibt es eine Gelegenheit: Mama Strauss ist mit ihren Jungen unterwegs. Und die Jungen sind eben noch nicht so schnell. Mama Strauss bleibt bei ihnen. Auch der Franz Josef ist nicht weit. Ich gehe davon aus, dass die männlichen Strausse eben immer Franz Josef heissen.
Abends lande ich in Nieuwoudtville. Bei Google wird versprochen, dass das Spar-Geschäft offen sei. Ist natürlich nicht so. Es ist ja Sonntag, und bei Google ist es offenbar nicht entsprechend vermerkt.
Aber ich finde dann ein nettes kleines Restaurant: die Rooi Windpomp. Ich bin der einzige Gast und werde in einem familiären Rahmen richtig bemuttert. Sunitha zaubert ein wunderbares, authentisches Gericht. Das gönne ich mir nun. Es kostet 200 Rand – etwa zehn Franken.
Den Wein muss man selber mitbringen, sie hat keine Lizenz.
Morgen Abend gehe ich noch einmal hin.
17. August 2026
Nieuwoudtville
Tagsüber suche ich Blumen. Die Gegend um Nieuwoudtville ist bekannt für riesige Blumenfelder. In den Büchern wird beschrieben, dass dies vor allem Mitte bis Ende August der Fall sei. Das ist es aber nicht mehr. Offenbar sind die Blumenfelder bereits im Juli fast verblüht. Es hängt stark vom Regen ab. Und der ist auch durch den Klimawandel anders geworden. Die Blütezeit ist eigentlich also vorbei, mittlerweile ist alles sehr trocken. Und trotzdem gibt es noch Abschnitte in wundervoller Blütenpracht.
Am Abend bin ich wieder bei Sunitha zu Gast. Diesmal ist auch ihr Ehemann dabei und es gibt interessante Gespräche.
Immer wieder staune ich, wie sehr sich manche Südafrikaner auf Trump abstützen.
In Gesprächen hier in Südafrika stelle ich immer wieder fest, dass Donald Trump bei vielen weissen Südafrikanern erstaunlich beliebt ist. Er hat sich sehr deutlich auf ihre Seite gestellt und behauptet, weisse Farmer würden wegen ihrer Hautfarbe verfolgt und sogar einem «weissen Genozid» ausgesetzt. Diese Darstellung ist allerdings stark umstritten und durch die Fakten nicht belegt. Südafrika hat tatsächlich ein enormes Gewaltproblem, doch die Gewalt trifft Menschen aller Bevölkerungsgruppen.
Im Februar 2025 stellte Trump die amerikanische Hilfe für Südafrika weitgehend ein und öffnete gleichzeitig ein spezielles Flüchtlingsprogramm für weisse Afrikaner. Besonders die Landfrage beschäftigt viele Weisse: Noch immer befindet sich ein grosser Teil des Farmlandes in weissen Händen, während die Folgen der früheren Landenteignungen der schwarzen Bevölkerung bis heute spürbar sind.
Besonders eindrücklich war dann der 21. Mai 2025. Im Weissen Haus traf Trump den südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa. Trump liess plötzlich die Lichter dimmen und zeigte ihm ein Video mit Bildern von getöteten Farmern und Kreuzen. Ramaphosa widersprach und erklärte, es gebe keinen «weissen Genozid».
Ich beginne zu verstehen, weshalb Trump hier bei manchen Menschen so beliebt ist – aber auch, wie schnell reale Probleme mit politischen Behauptungen vermischt werden können.
Übrigens ist natürlich auch interessant, dass manche Weisse hier Netanjahu als wunderbaren Kerl darstellen. Ausgerechnet ihn, dem wegen des Vorgehens der israelischen Regierung im Gazakrieg schwere Vorwürfe bis hin zum Vorwurf des Völkermords gemacht werden. Das steht in einem erstaunlichen Gegensatz zu ihrer Empörung über einen angeblichen «Genozid» an weissen Südafrikanern.
18. August 2026
Kokerboom
Heute fahre ich ziemlich weit: 320 km. Das geht etwas über das Maximum.
Zunächst bin ich bei den Köcherbäumen. Das sind Bäume, aus denen die Urbevölkerung ursprünglich die Köcher für ihre Pfeile gefertigt hat. Die Bäume faszinieren mich durch ihre Form und ihr Wachstum. Botanisch gesehen ist der Köcherbaum eigentlich kein Baum, sondern eine baumartig wachsende Sukkulente.
Der Köcherbaum, auf Afrikaans Kokerboom, ist im Deutschen als Köcherbaum und botanisch als Aloidendron dichotomum bekannt. Früher wurde er der Gattung Aloe zugeordnet und hiess Aloe dichotoma. Er ist eine imposante Pflanzenart, die im südlichen Afrika heimisch ist.
Die Art gilt als gefährdet. Da sie extrem langsam wächst und an sehr spezifische Niederschlagsmuster angepasst ist, leidet sie unter steigenden Temperaturen und anhaltenden Dürren in Südafrika und Namibia.
Ich finde auch wieder einen wunderbaren Campingplatz. Dort treffe ich einen weissen Namibier, der mir auf der Karte alle möglichen wunderbaren Plätze zeigt.
Als Overlander sind solche Austauschzeiten immer sehr wichtig – auch wenn sie die Abfahrtszeiten etwas verzögern.
19. August 2026
Augrabies Park
Südafrika ist reich an Bodenschätzen. Ganze Berge bestehen hier aus Rosenquarz. Ich erinnere mich an meine ersten Zeiten auf Elba, als ich jeden besonderen Stein sammelte und ihn möglichst auch in die Schweiz mitnahm. Hier hat es ganze Berge aus Rosenquarz. Ich nehme nichts mit. Das Kamel würde nur noch schwerer.
Überhaupt wird mir auf dieser Reise immer wieder bewusst, wie unglaublich reich Südafrika an Bodenschätzen ist. Das Land verfügt über mehr als 50 verschiedene mineralische Rohstoffe. Besonders bedeutend sind Platin, Palladium und andere Platinmetalle, Gold, Diamanten, Chrom, Mangan, Eisenerz, Kohle und Vanadium. Dazu kommen unter anderem Kupfer, Nickel, Kobalt, Zink, Silber, Titan, Phosphate und Uran.
Der Reichtum liegt dabei nicht überall gleich verteilt. In der Gegend, durch die ich gerade fahre, im Northern Cape, befinden sich beispielsweise grosse Vorkommen von Mangan und Eisenerz. Die berühmten Platinvorkommen liegen vor allem im Bushveld Complex, während das Witwatersrand-Becken für sein Gold bekannt ist. Die Diamanten wiederum werden unter anderem in Kimberlit-Schloten im Northern Cape und North West gefunden.
Der Bergbau hat Südafrika über mehr als hundert Jahre geprägt. Er hat enorme wirtschaftliche Bedeutung, schafft Arbeitsplätze und bringt grosse Exporterlöse. Gleichzeitig hat der Abbau der Bodenschätze tiefe Spuren in der Landschaft und in der Gesellschaft hinterlassen. Man könnte fast sagen: Die Geschichte Südafrikas liegt nicht nur auf dem Land, sondern auch tief darunter.
Dafür tun es mir die heissen Quellen an. Ich verweile dort eine ganz gute Zeit. Lange bin ich ganz alleine und kann aus dem warmen Wasserbecken die Vogelwelt in den Lüften der Kluft bestaunen.
Nach all den Kilometern, dem Staub und den Steinen ist das ein wunderbarer Abschluss für diesen Tag.
20. August 2026
Augrabies Waterval
Heute bleibe ich noch im Augrabies Falls National Park. Am Abend fahre ich nochmals zum Wasserfall. Das Licht wird immer schöner und die Felsen leuchten in den warmen Farben der untergehenden Sonne.
Ich mache einige wunderschöne Bilder. Ein ruhiger und eindrücklicher Abschluss dieses Tages.
21. August 2026
Vrugtesap
Ich verfahre mich selten. Heute gibt es allerdings doch gewisse Schwierigkeiten. Es ist im Auto einfach zu heiss. Die Temperaturlage hat sich definitiv verändert. Die Navigationsgeräte funktionieren nicht mehr richtig, das Thermometer im Auto zeigt 41 °C an und die Karte ist natürlich viel zu klein im Massstab.
Offenbar ist nicht nur das Kamel heissgelaufen, sondern auch seine Besatzung. Irgendwie nach 18km merke ich, dass die Richtung irgendwie nicht stimmen kann.
Auf der Hauptstrasse Richtung Namibia dann noch ein guter Tipp: Vor dem Zoll keine 1,2 Liter Fruchtsaft (Vrugtesap met baie Vetamiene) trinken!
Zwischen Schalter 1 und 2 muss ich schon dringend weg. Zwischen Schalter 2 und 3 wird es definitiv kritisch. Zum Glück steht da ein kleines Häuschen.
Der Grenzübertritt bekommt damit plötzlich eine ganz eigene Dringlichkeit. Anstrengend.
Zuerst die ganze Vrugtesap-Geschichte, und dann wird mein Auto ziemlich sehr gründlich durchsucht. Ich erhielt noch die Gelegenheit, vor der Bewilligung einzureisen mein Joghurt, den ganzen Käse und meine vier gekochten Eier aufzuessen. Denn all diese tierischen Produkte dürfen keinesfalls über die Grenze mitgenommen werden.
So wird aus einer Zollkontrolle plötzlich auch ein Abendessen.
Übrigens ist auch das Visa on Arrival ziemlich teuer. Ganze 80 Franken kostet mich das Visum.
Ich bin ziemlich erschöpft und bleibe gleich beim nächsten Camp in der Nähe der Grenze. Es ist einfach eingerichtet, aber es hat alles, was ich brauche.
22. August 2026
Die uitgestrektheid van Namibië
Vormittags bringe ich das Auto wieder etwas in Ordnung. Selbstverständlich ist mir etwas Käse zwischen die Sitze gerutscht. Nun muss ich doch alles wieder irgendwo an seinen Ort bringen. Ach, da hat es ja noch eine Butter im Kühlschrank. Ach, und da ist ja auch noch ein Joghurt. Ai ai ai!
Dann schreibe ich die Berichte, damit ich wieder ein bisschen à jour bin, und sichere noch die Bilder.
Nach einem guten Mittagessen mit viel Gemüse fahre ich los. Eigenartig: 150 km, kein Mensch, kein Haus, keine Farm, nada.
Das ist Namibia: Hier beginnt die grosse Weite (uitgestrektheid). Im Süden wechseln sich trockene Steppe, Buschland und Wüstenlandschaften ab. Die Niederschläge sind äusserst gering und die Abstände zwischen den Siedlungen entsprechend riesig. Man kann lange fahren, ohne einem Menschen oder einem Haus zu begegnen.
Die Strasse ist gut und ich schaffe es fast bis Ai-Ais. Aber dann ist die Sonne wie immer schnell weg und ich finde auf dem Bauernhof Bremen eine Bleibe – 50 km vor dem Ziel.
Schon ein bisschen eigenartig: Bin ich doch in Afrika und fahre durch Orte wie Grünau und Bremen. Dazu kommen im Süden Namibias noch viele andere deutsch klingende Ortsnamen, zum Beispiel Elisabethbucht, Simplon, Lüderitz, Helmeringshausen, Mariental, Maltahöhe und Bethanien.
Neben den ursprünglichen afrikanischen Sprachen spricht man hier auch Afrikaans.
Und in meinem Radio läuft «Psychomotorischer Weltschmerz» von Polo Hofer.
Passt inhaltlich irgendwie zur Welt in Afrika.
23. August 2026
Die Visrivierkloof
Über eine lange Staubpiste versuche ich, den Fishriver Canyon zu erreichen. Ich komme am Nachmittag im vorgesehenen Camp an. Soll ich nun noch zum Canyon fahren oder doch erst morgen? Ich überlege mir, was wohl die beste Zeit zum Fotografieren wäre. In welcher Himmelsrichtung steht jetzt die Sonne? Wo geht sie unter? Wie fallen die Schatten?
Ich befinde mich ja in der südlichen Hemisphäre – also ist doch einiges anders als im Norden. Hier steht die Sonne um die Mittagszeit im Norden … und wandert von Osten über den Nordhimmel nach Westen. Genau umgekehrt also wie bei uns auf der Nordhalbkugel.
Auch die Jahreszeiten sind vertauscht: Der Winter dauert von Juni bis August, der Sommer von Dezember bis Februar. Wir sind also noch im Winter und die Sonne steht tief.
Und auch die Schatten verhalten sich anders. Wenn die Sonne über den nördlichen Himmel wandert, ziehen die Schatten von West über Süd nach Ost – also im umgekehrten Sinn zu dem, was ich von der Nordhalbkugel gewohnt bin. Die tief stehende Sonne erzeugt lange Schatten und bringt die Strukturen der Canyonwände besonders schön zur Geltung.
Auch am Himmel ist vieles anders. Das berühmteste Sternbild ist das Kreuz des Südens, mit dessen Hilfe man den südlichen Himmelspol finden kann. Der Grosse Wagen wiederum steht hier oft auf dem Kopf. Selbst der Mond sieht irgendwie anders aus. Die Mondsichel erscheint nun hier wie eine liegende Schale.
Ich entscheide mich (richtig) und bleibe lange. Es hat sich gelohnt: Der Sonnenuntergang ist phantastisch! Die Strukturen und Kontraste beeindruckend.
24. August 2026
Campen im Süden Namibias
Das Campen im Süden von Namibia ist so eine Sache. Freies Campen ist schwierig. Links und rechts der endlosen Pisten und Strassen stehen unendliche Zäune. Und wo der Zaun steht, nützt auch das dritte Auge nicht viel. Denn normalerweise habe ich eben ein spezielles Auge für wundervolle Campplätze.
In den Nationalparks ist wildes Campen oft untersagt. Und auch die supergute iOverlander-App schweigt. Es gibt aber doch in der Nähe von Sehenswürdigkeiten oder den seltenen Ortschaften offizielle Campingplätze. Und gar nicht mal so teuer: 5 bis 15 Franken bezahle ich.
Manchmal sind es auch Farmer, die damit ein kleines Geschäft machen. Diese Bauernhof- oder Gemeindecamps sind erstaunlich gut eingerichtet und sauber.
Ein bisschen fühlt es sich an wie ein europäischer Campingplatz – nur dass morgens früh nicht der Rasenmäher surrt, die Plätze sind eher sandig.
Heute finde ich einen wunderbaren Campingplatz bei Aus.
Zuerst besuche ich den Kriegsfriedhof von Aus. Hier liegen Soldaten, die während des Ersten Weltkriegs in Deutsch-Südwestafrika gestorben sind. Deutsche Soldaten liegen neben Angehörigen der südafrikanischen Truppen, die gegen sie gekämpft haben. Viele der Gefangenen starben allerdings nicht im Kampf, sondern später an Krankheiten, insbesondere während der Spanischen Grippe.
Die ganze Sinnlosigkeit eines Krieges wird hier sehr deutlich. Denn da liegen sie nun: Watson neben Borchert, Paulsen neben Homberger, Smith neben Hermann, van Vuuren neben Müller.
Die einen kämpften für Deutschland, die anderen für Südafrika und damit auf der Seite der Alliierten.
Und der Sinn? Wofür für wen?…
Es ist ein eigenartiger Ort. Rundherum die karge, trockene Landschaft, fast menschenleer. Und hier liegen Menschen, die vor mehr als hundert Jahren für eine Sache gestorben sind, die keiner von ihnen selbst bestimmt hat. Jetzt bleibt nur noch ein Stein. Die einen Steine mit deutschem Symbol, die anderen schlicht.
Wie sinnlos ist doch jeder Krieg.
25. August 2026
Lüderitz – und die Geschichte der Völkermorde
Heute bin ich in Lüderitz angekommen. Ich sehe mir die fast deutsch anmutende Stadt an. Deutsche Häuser, deutsche Strassennamen, die ganze Architektur erinnert mich an eine kleine deutsche Stadt – nur dass ich im Süden von Namibia bin.
Beim Besuch eines Denkmals zum Völkermord an den Herero und Nama verändert sich meine Perspektive auf dieses hübsche deutsche Städtchen etwas.
Plötzlich denke ich nicht mehr nur über deutsche Häuser nach, sondern darüber, wie Menschen immer wieder andere Menschen vernichten, vertreiben oder ihrer Lebensgrundlage berauben.
Der Völkermord an den Herero und Nama von 1904 bis 1908 ist eines dieser Beispiele. Die deutsche Kolonialmacht reagierte auf den Aufstand der Herero und später der Nama mit einer brutalen Vernichtungspolitik. Zehntausende Menschen wurden getötet oder starben durch Vertreibung, Hunger, Durst, Zwangsarbeit und Krankheiten.
Warum passiert so etwas immer wieder?
Deutschland hat unter dem Nationalsozialismus Millionen Menschen ermordet. In den Vereinigten Staaten wurden indigene Völker durch Krieg, Vertreibung und Zwangsassimilation dezimiert – der «Pfad der Tränen» ist dafür ein besonders bekanntes Beispiel. Im Kongo kostete die brutale Herrschaft unter dem belgischen König Leopold II. unzählige Menschen das Leben. Im Osmanischen Reich wurden die Armenier verfolgt und in grosser Zahl ermordet.
Später kamen weitere Katastrophen hinzu: die Massaker und Vertreibungen in Ruanda, der Völkermord in Kambodscha, die Verbrechen der Sowjetunion, unter anderem während des Holodomor in der Ukraine, die Gewalt in Darfur, die japanischen Massaker in China und viele weitere Verbrechen gegen ganze Bevölkerungsgruppen.
Diese Liste liesse sich noch lange fortsetzen.
Dabei ist etwas besonders erschreckend: Es sind nicht immer irgendwelche «Wilden», die solche Verbrechen begehen. Es sind moderne Staaten. Menschen mit Verwaltungen, Gesetzen, Armeen, Beamten, Eisenbahnen, Gefängnissen und manchmal sogar einer hochentwickelten Kultur. Und mit Ethik und Moral…
Und heute gibt es wieder Orte, an denen der Vorwurf eines Völkermords im Raum steht. In Gaza ermittelt und urteilt die internationale Justiz über schwerste Vorwürfe gegen Israel. Noch ist die rechtliche Einordnung nicht abschliessend geklärt. Aber die Bilder von zerstörten Städten, getöteten Kindern und Menschen, die um Nahrung und Wasser kämpfen… wie kann das sein?
Ich stehe hier in Lüderitz vor einem Denkmal. Und hinter mir stehen wunderschöne deutsche Häuser. Vor mir erinnert ein Denkmal an Menschen, die von einer deutschen Kolonialmacht vernichtet wurden. (Das Denkmal wurde im Übrigen schon mal zerstört).
Lüderitz ist schön. Aber die Geschichte, auf der dieses Lüderitz gebaut wurde, ist es nicht.
26. August 2026
Heroes‘ Day
Heute ist in Namibia Heroes‘ Day. Ein wichtiger Feiertag, den ich natürlich nicht einfach übergehen kann.
Der 26. August erinnert an den Beginn des bewaffneten Kampfes für die Unabhängigkeit Namibias. Am 26. August 1966 griffen südafrikanische Sicherheitskräfte bei Omugulugwombashe ein Lager der SWAPO an. Damit begann eine lange und blutige Phase des Befreiungskampfes gegen die südafrikanische Herrschaft. Erst 1990 wurde Namibia unabhängig.
Für die Namibier ist dieser Tag ein Gedenktag an die Menschen, die für die Unabhängigkeit gekämpft und ihr Leben dafür geopfert haben.
Ich bin erst seit wenigen Tagen in Namibia und merke, wie schnell sich die Geschichte dieses Landes verändert. Erst die deutsche Kolonialzeit, dann der Erste Weltkrieg, die südafrikanische Herrschaft und schliesslich der Kampf um die Unabhängigkeit.
Und heute Vormittag geht es noch in eine ganz andere Zeit der namibischen Geschichte: nach Kolmanskop, mitten hinein in den Diamantenrausch. Davon erzähle ich morgen.
Denn morgen werde ich vor allem das Rote Kamel über Pisten nordwärts treiben.
27. August 2026
Kolmanskop
Die Führung durch das verlassene Diamantenstädtchen Kolmanskop mit Helmut, einem Deutsch-Namibier in fünfter Generation, ist ausserordentlich eindrücklich.
Hier muss ein regelrechter Diamantenrausch geherrscht haben.
1908 wird in der Nähe von Lüderitz der erste Diamant gefunden. Danach strömen Menschen hierher, weil die Diamanten teilweise tatsächlich einfach im Wüstensand liegen. Man musste sie nicht einmal aus tiefen Minen holen – an manchen Stellen konnte man sie aus dem Sand auflesen (Ich ertappe mich dabei, dass ich in den unendlichen Sandhaufen auch immer etwas nach Glitzerndem Ausschau halte).
Vor allem schwarze Arbeiter werden eingesetzt, um den Boden systematisch abzusuchen. Die Arbeitsbedingungen und die Trennung zwischen weissen Angestellten und schwarzen Arbeitern zeigten dabei auch die koloniale und rassistische Gesellschaftsordnung dieser Zeit.
Das Gebiet wurde später zum Sperrgebiet erklärt. Bis heute darf man grosse Teile davon nicht einfach betreten. Der Grund: Auch heute befinden sich dort Diamantenvorkommen, und Schmuggel (auch nach Wichtrach) soll verhindert werden.
So entstand mitten in dieser Wüste eine Stadt, die eigentlich überhaupt nicht hierher gehört.
Kolmanskop hatte eine unglaubliche Infrastruktur. Es gab ein Krankenhaus, eine Schule, einen Ballsaal, ein Kasino, eine Kegelbahn, eine Bäckerei, eine Metzgerei und sogar eine Eisfabrik. Für die weissen Bewohner entstehen elegante Häuser. Für die schwarzen Arbeiter gibt es dagegen einfache Baracken.
Das Baumaterial wurde teilweise direkt aus Deutschland verschifft. Auch andere Waren wurden importiert. Selbst Kohle für die Energieversorgung wurde offenbar aus Schottland herangeschafft.
Es muss unglaublich viel Geld vorhanden gewesen sein.
Und dann war halt plötzlich Schluss.
Die leicht zugänglichen Diamantenvorkommen wurden immer weniger. Andere, reichere Vorkommen wurden weiter südlich entdeckt. Die Bedeutung von Kolmanskop nahm ab, und schliesslich wurde der Ort aufgegeben. 1956 verliessen die letzten Bewohner das Städtchen.
Heute holt sich die Wüste die Stadt langsam zurück. Sand liegt in den Häusern, durch Fenster und Türen dringt die Wüste herein. Nun ja, es putzt ja auch kein Deutscher mehr. Wo früher Menschen wohnten, tanzt heute der Sand durch die Zimmer.
Eigentlich könnte man hier ohne weiteres ein Buch schreiben. Ein Buch über Diamanten. Über den unermesslichen Reichtum mitten in der Wüste. Über die deutsche Kolonialgeschichte. Über die schwarzen Arbeiter, die diesen Reichtum mit ihrer Arbeit ermöglichten. Über Luxus und Armut, die hier direkt nebeneinander existierten. Und vielleicht auch über die Vergänglichkeit…
Denn am Ende ist von all dem Reichtum nicht viel übrig geblieben – ausser diesen Ruinen im Sand.
28. August 2026
Namibia – ein Land mit sehr viel Platz
Das Rote Kamel rattert und holpert heute vom Bettas Camp beim Roadhouse durch die Namib-Rand-Wüste bis nach Sesriem.
Wie immer kann man entweder unter 20 km/h oder über 60 km/h fahren. Dazwischen wird es unangenehm. Die Erschütterungen sind teilweise so heftig, dass es mich richtig schmerzt.
Ich frage mich, ob bei einem lebendigen Kamel nach einer solchen Fahrt die Organe überhaupt noch alle am richtigen Ort wären.
Dieses Rote Blech-Kamel hingegen erzittert, lärmt und scheppert, was das Zeug hält. Und trotzdem ist bei dem Toyota-Gemachten noch immer alles am richtigen Ort.
Während der Fahrt mache ich mir ein paar Gedanken zur Geographie dieses erstaunlichen Landes. Heute Abend will ich dazu noch ein paar Fakten sammeln.
Namibia ist mit rund 824’000 km² fast 20-mal so gross wie die Schweiz, hat aber nur gerade 3 Millionen Einwohner. Auf einen Quadratkilometer kommen gerade einmal 3 bis 4 Menschen – in der Schweiz sind es über 200. Ok, die Schweiz hat ja auch (noch) weniger Wüstengebiete. Namibia gehört damit zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Auf Rang eins ist die Mongolei, Rang zwei Namibia… und Kanada ist auf dem Platz sieben…
Hier kann man ziemlich lange fahren, ohne Gefahr zu laufen, plötzlich im Stau zu stehen.
Das Land erstreckt sich vom Atlantik im Westen bis zu Botswana und Sambia im Osten und von Angola im Norden bis Südafrika im Süden. Die Küste ist rund 1’570 Kilometer lang. Trotzdem ist Namibia kein typisches Badeferienland. Der kalte Benguelastrom sorgt für kaltes Wasser und häufig für Nebel.
Namibia ist das trockenste Land südlich der Sahara. An der Küste fallen teilweise weniger als 50 Millimeter Regen im Jahr, während es im Norden deutlich mehr sein kann. Der Regen kommt oft als heftiges Gewitter – oder eben halt dann gar nicht. Deshalb gibt es im grössten Teil des Landes auch keine ganzjährig wasserführenden Flüsse. Auf der Landkarte ist oft Wasser eingezeichnet – es sieht nach mehr Wasser aus, als tatsächlich vorhanden ist.
Landschaftlich hat Namibia erstaunlich viel zu bieten: die uralte Namib-Wüste, riesige Schotterflächen, Savannen, die Kalahari und im Norden sogar fast tropisch wirkende Gebiete. Dazu kommt das Hochland. Vom Meer steigt das Land auf über 1’000 Meter an. Der höchste Punkt, der Königstein im Brandberg, erreicht 2’573 Meter.
Eigentlich könnte man Namibia mit drei Worten beschreiben:
Viel – trocken – und weit.
Und genau diese Kombination macht das Land für den Tourismus so faszinierend. Für das Rote Kamel bedeutet sie allerdings vor allem sehr viel Strecke und massive, andauernde Erschütterungen.
29. August 2026
Was bringt der Tag denn heute?
Gestern Abend begegne ich zwei jungen Israelis, beide 26-jährig und ein Paar. Sie kommen direkt aus dem Krieg und brauchen offenbar dringend Urlaub. Sie laden mich ein, mit ihnen zu campieren. Am Abend steige ich mit ihnen auf eine nahe liegende Düne, um den Sonnenuntergang zu bestaunen. Die beiden sind topfit – für mich ist das schon eine echte Herausforderung.
Beim Sitzen auf der Düne führen wir interessante Diskussionen über diesen unsinnigen Krieg und die ganze Situation.
Früh am Morgen, so gegen 5 Uhr, wecken mich die beiden. Sie haben ein Problem mit der Lichtmaschine. Und sie möchten den Sonnenaufgang von der Düne 45 aus bestaunen. Das kommt mir gerade recht, denn auch ich will möglichst früh zu den lustigen Bäumen in der Nähe dieser Sanddüne.
Ich gehe ihnen mit Licht voraus, sie folgen mir im Finstern ohne Licht. Und wir kommen tatsächlich dort an. Die beiden besteigen die Düne 45.
Ich will nicht mehr auf eine Düne steigen – und schon gar nicht auf diese. Das ist mir zu anstrengend. Ich will lieber die bekannten Bäume fotografieren. Jetzt wäre die beste Zeit dafür, früh genug und noch ohne Touristen. Aber leider ist halt so früh auch sonst niemand da, den ich nach dem Weg fragen könnte.
Also trampe ich guter Dinge los, zu Fuss zuerst eine Stunde lang. Leider in die falsche Richtung.
Als ich den Fehler bemerke und wieder zurück bin, sind die Touristen natürlich auch schon da. Man kann sich vorstellen, was nun passiert: Bei ungefähr hundert Bäumen stellen sich bei jedem Baum Warteschlangen an, um das ultimative Selfie zu machen. So ist es etwas schwierig, die Bäume noch ohne Menschen zu fotografieren. Ich konzentriere mich deshalb auf diejenigen, die am weitesten entfernt stehen.
Dort treffe ich auch einen Deutschen. Er ist mit einem Döschwo unterwegs, irgendwo stecken geblieben und von jemandem mitgenommen worden. Am Bein hat er eine tiefe Wunde. Es war wohl nicht sein Tag: Er ist über einen Zaun gestolpert. Ich behandle ihn und gebe ihm den Rest meiner Salbe mit.
Nach dem Baumadventure fahre ich weiter durch die Namib-Wüste. Mitten in der Wüste, bei Solitaire, gibt es eine Bäckerei. Jeder Wüstenreisender stürzt sich hier sofort auf die Süssigkeiten und die feinen Brote.
Danach folgen wiederum 150 km Wellblech. Das muss sein. Die Schüttelpiste setzt dem Kamel Innernen gehörig zu.
Schrauben lösen sich, Gepäckstücke auf dem unteren Bett werden in den Mittelgang geschmissen. Beim Espressokännchen rutscht sogar der Stift heraus. Und die Seitenablage ist wiederum futsch. Der rote und gelbe Staub ist überall.
Am schlimmsten ist das Knirschen beim Butterbrotessen. Das wunderbare Brot aus der Bäckerei ist dann plötzlich auch nicht mehr ganz so schmackhaft.
Das Kamel ist leider nicht ganz dicht. Das Alter? Vor allem bei der hinteren Türe wirbelt dauernd Staub hinein. Ich muss mit einer Plane zwischen Tür und Rahmen den Staub etwas aufhalten.
Am Ende des Tages sieht das Rote Kamel innen fast genauso aus wie die Häuser in Kolmanskop.
30. August 2026
Auf dem Weg nach Walvis Bay
Das Kamel fährt heute über den Wendekreis des Steinbocks. Wieder ein kleines geografisches Ereignis auf dieser Reise: Ich verlasse den südlichen Teil Namibias und fahre weiter Richtung Walvis Bay.
Die Landschaft verändert sich. Über den Kuisebpass und am Vogelfederberg vorbei geht es immer weiter durch die trockene, aber eher steinige Landschaft.
Am Abend erreiche ich Walvis Bay. Nach all den Pisten und Schüttelstrecken tut eine Nacht in der städtischen Umgebung ganz gut.
31. August 2026
Walvis Bay – die Bucht heute ohne Wale
Der Name bedeutet auf Afrikaans und auch auf Deutsch sinngemäss «Walfischbucht». Ein ziemlich vielversprechender Name – nur Walfische gibts heute nicht, und auch keine Wale. Sie sind vielleicht auch gerade auf Reisen.
Walvis Bay liegt direkt am Atlantik und ist einer der wichtigsten Häfen Namibias. Es kommen tatsächlich Wale und andere Meerestiere in die Bucht, heute sind vor allem Delphine, Flamingos, Pelikane und Robben die auffälligeren Bewohner.
Walvis Bay ohne Wale – dafür mit einer Menge Sand, Nebel und Flamingos bei Sonnenuntergang.