Berichte 01.08. – 15.08.2026 

1.08.2026
Gangs
 
In Kapstadt gibt es schätzungsweise über 100 verschiedene Gangs mit zehntausenden Mitgliedern, die vor allem in den armen Vororten der Cape Flats aktiv sind. Zu den bekanntesten Strassengangs zählen die Americans, Mongrels und Ghetto Kids.
 
Heute setze ich mich neben einen Jungen aus einer der gefürchteten Gangs. Zu welcher Gang er gehört(e) will er mir nicht sagen.
 
Die Arbeitszeiten bei Alu-Innovations sind anders als bei uns. Am Freitag arbeitet man bis 15.00 Uhr und am Samstag bis 12.00 Uhr. So habe ich den Nachmittag frei und beschliesse, doch einmal einen Rundgang im relativ sicheren Quartier Bo-Kaap zu unternehmen.
 
Tatsächlich wage ich mich nicht in jede Ecke. Ich halte mich grundsätzlich an die Strassen, auf denen sich auch andere Touristen aufhalten. Wobei ich kaum ausländische Touristen sehe.
 
Auf einer Treppenstufe sitzt ein junger Mann. Er scheint völlig in sich zusammengesunken zu sein. Sein Blick ist leer, seine Augen wirken müde und glasig. Später erzählt er mir, dass er gekifft habe. Er wirkt verloren und einsam. Ich gehe zunächst an ihm vorbei. Doch irgendetwas lässt mich umkehren. Vielleicht ist es Mitleid, vielleicht auch einfach Neugier. Ich spreche ihn an und setze mich neben ihn.
 
Wir kommen in ein überraschend offenes und tiefes Gespräch. Je länger ich ihm zuhöre, desto mehr habe ich das Gefühl, dass ich neben keinem bösen Menschen sitze.
Und immer mehr wird mir deutlich, dass sein Leben von Anfang an kaum eine faire Chance hatte.
 
Fünf Jahre war er im Gefängnis. Erst vor Kurzem war er freigekommen. Entsprechend hatte man ihn auch aus der Schule geworfen. Er erzählt, dass er nur noch seine Mutter habe. Sein Vater sei davongelaufen, als er drei Jahre alt gewesen sei.
 
Mit vierzehn habe er einen Jungen aus einer anderen Gang erschossen. Dieser habe ihn wegen eines Mädchens immer wieder provoziert. In dem Township, aus dem er gekommen sei, sei es halt normal gewesen, einer Gang anzugehören. Es sei auch viel geschossen worden. Es gab schon immer diese Rivalitäten zwischen den Gangs. 
Man habe ihn gefasst, weil ihn jemand verpfiffen habe – und die Polizei habe ihn  im Township festnehmen können.
 
Heute ist er perspektivenlos. Keine Ausbildung, keine Arbeit, kein Geld.
 
Aber er brauche auch nur wenig, sagt er. Er ist übrigens einer der wenigen Menschen in dieser Gegend, der mich nicht nach Geld fragt.
 
Fast eine Stunde sitze ich bei ihm. Er vertraut mir, und ich vertraue ihm ebenfalls. Vielleicht ist gerade dieses gegenseitige Vertrauen der Grund, weshalb er mir seine Geschichte erzählt.
 
Aber was kann ich schon tun?
 
Nichts, mehr als ein Nichts.
 
Er erlaubt mir, ein Foto von ihm zu machen. Danach verabschiede ich mich. Ich gehe weiter, doch seine Geschichte und sein Gesicht begleiten mich noch lange. 
 

 

2.08.2026

Sonntag ist frei. 

Ich lasse mich mit einem Uber Driver durch die Gegend «driven» – für ein bescheidenes Geld kann ich einen ganzen Tag geführt werden. Sicher und ortskundig, das ist hier keine schlechte Idee. Vieles wiederholt sich halt, die Pinguine kenne ich schon von Südamerika her (ich glaube, hier habe ich den Grossonkel von Köbi gesehen) und die Löwen halten sich hier leider versteckt.

Aber am Kap der guten Hoffnung bin ich dann wenigstens auf diesen einen Berg hoch gestiegen. Zu Fuss, wohlverstanden. Es ist der südwestlichste Punkt von Afrika. Aber nicht der südlichste. Dort möchte ich auch noch hingehen, vielleicht schaff ich das noch.

Ich habe gelesen, dass es auch geführte Touren in die Townships gibt. Da werde ich nicht teilnehmen. Dazu habe ich verschiedene Gründe: Für solche Township-Touren in Kapstadt habe ich vor allem ethische Bedenken, ich bin nicht auf Armutstourismus aus. Die Zurschaustellung menschlicher Not sowie die ungleiche Machtdynamik zwischen reichen Reisenden und armen Bewohnern ist nicht angebracht. Solche Ausflüge, wo reale Probleme oft wie eine Sehenswürdigkeit behandelt werden und der tatsächliche finanzielle Nutzen für die lokale Bevölkerung gering ist, braucht es nicht. Zudem kann man im Internet zu «Townships» genügend Unterlagen finden.

Am Abend sind wir auf dem Signalberg. Von dort kann man den Sonnenuntergang schön betrachten. Feuerrot.

Auch feuerrot ist der Waldbrand am Tafelberg. Die Feuerwehr scheint relativ machtlos zu sein. Die Feuerschlange frisst sich rasant den Berg hinauf. Trockenes Gras und die Büsche führen die rote Schlange bis zum Gipfel. Die Bergbahn bleibt geschlossen.

 

3. August 2026

Linksverkehr

Immer wieder habe ich echte Zusammenstösse. Mit dem Auto ja nicht, das ist immer noch in Arbeit. Vielmehr auf den Gehsteigen und im Supermarkt mit dem Einkaufswagen. Alle Leute weichen immer rechts von mir aus – und ich dummerweise eben auch. Auch beim Gehen in der Stadt herrscht hier strikte Linksverkehr. Das ist lustig…

Ich werde mich wieder sehr stark an den Linksverkehr gewöhnen müssen, weil die Signal Varianten nicht der von Neuseeland oder Australien entsprechen. 

Das ist vor allem beim Kreiselverkehr übel, oder beim Wegfahren von irgendwelchen einsamen Orten wichtig. Deshalb habe ich mir an der Windschutzscheibe mit einem Filzstift einen Fahrtrichtungspfeil aufgemalt.

Mit dem Kamel geht es heute eher schleichend vorwärts. Ich bekomme langsam eine gewisse Zeit Panik. 

 

4.08.2026

Herztransplantation

Auf meinem Arbeitsweg zum Kamel fahre ich immer wieder an einem Spital vorbei,  das Weltgeschichte schrieb. 

Am 3. Dezember 1967 führte Christiaan Barnard im Groote Schuur Hospital die weltweit erste erfolgreiche Herztransplantation von Mensch zu Mensch durch. Das Herz der verunglückten Denise Darvall wurde dem 53-jährigen Louis Washkansky transplantiert. Washkansky überlebte die Operation und lebte noch 18 Tage, bevor er an einer Lungenentzündung starb – für die Medizin war dies dennoch ein historischer Durchbruch.

1967 herrschte in Südafrika die Apartheid. Krankenhäuser, Operationssäle und selbst die Berufe waren streng nach Hautfarbe getrennt. Schwarze hatten kaum Zugang zu medizinischer Ausbildung und durften in vielen Bereichen gar nicht arbeiten. In diesem Zusammenhang taucht immer wieder der Name Hamilton Naki auf.

Naki war kein ausgebildeter Arzt. Er begann als Gärtner an der Universität Kapstadt und arbeitete sich aufgrund seines aussergewöhnlichen Talents zum Laborassistenten hoch. Er entwickelte im Tierversuch chirurgische Techniken mit, führte komplizierte Operationen an Versuchstieren durch und bildete sogar junge Chirurgen aus. Barnard sagte später einmal, Naki habe handwerklich sogar bessere chirurgische Fähigkeiten gehabt als er selbst.

Lange Zeit wurde erzählt, Hamilton Naki habe bei der eigentlichen Herztransplantation mitoperiert oder sogar das Spenderherz entnommen. Diese Geschichte erschien sogar in renommierten Zeitungen und Fachzeitschriften.

Doch Naki war kein Arzt, sondern ein aussergewöhnlich begabter Laborassistent. Wegen der Apartheid durfte er sein Können am Menschen aber nicht einsetzen und erhielt jahrzehntelang nicht die Anerkennung, die ihm für seine Forschungsarbeit zustand. Die eigentliche Operation am 3. Dezember 1967 wurde von Barnard und seinem chirurgischen Team ohne ihn durchgeführt, doch Nakis Arbeit im Hintergrund trug wesentlich dazu bei, dass dieser medizinische Meilenstein überhaupt möglich wurde.

 

5. August 2026

Arbeiten am Kamel

Das Arbeiten hier bei Alu-Innovations ist fast wie eine Party. Man hört Musik, tanzt mit dem Schraubenzieher in der Hand, macht Witze, und es wird viel gelacht.

Einer der Inhaber, wohl der Hauptinhaber Cassiem, hat einen ganz eigenen Führungsstil. Jeder hat genaue Kenntnisse über seine Aufgabe. Einer arbeitet mit dem Strom, einer schneidet Teppiche mit Schwung, einer schweisst, ein anderer räumt voraus auf und putzt im Takt der Musik.

Wenn einer Hilfe braucht, ruft er laut etwas in Afrikaans – und schon kommen von links und rechts die Helfenden herbeigeeilt.

Er sei nicht Chef, meint Cassiem. Sondern vielmehr einer, der ebenfalls nach seinen Kompetenzen arbeitet und somit einen leitenden Posten innehat.

Früher war er als Manager bei Alu-Cab tätig, einer weltweit organisierten Konstruktionsfirma für Dächer und Innenausbauten von Campervans. Der Hauptsitz ist hier in Kapstadt. Die Dächer hat er entworfen und geschaffen. Die Firmenbosse hätten ihn aber immer ungleich behandelt, und gar gemobbt, weil er ihnen zu farbig beziehungsweise zu schwarz war. Die weissen Angestellten unter ihm hatten bis zum dreifachen mehr Lohn als er.

Seit 10 Jahren ist er und seine Familie selbstständig und hat grossen Erfolg. Die Alu-Cab konnten es nicht verhindern, dass er ähnliche und gar bessere Dächer fabriziert… er hat diese ja kreiert.

Offenbar gibt es sogar Schweizer, die ihre Autos hierher schicken und hier ausbauen lassen. Das soll sich offenbar trotz der grossen Entfernung rentieren.

 

 

6. August 2026

Übernachten in der Werkstatthalle

Heute endet mein Airbnb, und ich darf in der Werkstatthalle übernachten.

Es mutet ein bisschen eigentümlich an, fast schon unheimlich. Um 18.30 Uhr sind alle verschwunden – und es wird still. Ganz still. Ich bin mit all diesen Kamelen alleine in dieser riesigen Halle.

Mein Kamel wird fast fertig. Bis um 22.30 Uhr mache ich weiter und bereite auch mein Fahrzeug schon einmal vor.

Das neue Dach und die neue Betteinrichtung haben sehr viele Vorteile. Das Fahrzeug lässt sich in etwa zehn Minuten schlafbereit machen. Ich kann auch im Auto drinnen kochen, das Zelt muss ich nicht jeden Abend herunter- und jeden Morgen wieder hinaufnehmen. Es braucht keine Batterie, um das Dach hochzuheben, die Seitenwinde verträgt es um einiges besser als das alte Dach, und ich muss mich auch nicht mehr davor fürchten, dass mir plötzlich das Dach im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf fällt.

Das Auto lässt sich bis zum Kühlschrank aufrecht begehen. Wenn ich also zum Apothekenschrank will, muss ich mich nicht mehr durch das Auto kriechen. Auch die oft benutzte Schaufel hängt abends nicht mehr plötzlich irgendwo fast am Himmel oben. Ich kann sie ganz leicht von der Seite wegnehmen.

Das Bett lässt sich über die gesamte Innenfläche einrichten. Es können jetzt also auch 2,50-Meter-Typen bei mir übernachten. Das dürfte die Zahl der potenziellen Gäste deutlich erhöhen, oder?

Das Zeltmaterial ist stärker und wird wohl auch besser isolieren. Die Moskitonetze sind neu – diejenigen im alten Zelt haben sich buchstäblich aufgelöst. Auch habe ich eine neue Memory-Foam-Matratze bekommen. Und bei Fahrten auf rauher Piste scheppert es nicht mehr. 

Und dann kommt noch der finanzielle Aspekt: In der Schweiz hat allein die Dachkonstruktion – ohne Matratze und Betteinrichtung und trotz der damaligen Fehlkonstruktion – dreimal mehr gekostet.

Ich bin gespannt, wie sich das neue Kamel auf den nächsten tausenden Kilometern bewährt.

 

 

7. August 2026

Die Testfahrt

Die Leute arbeiten freitags nur bis 15.00 Uhr, weil ja halt Freitag ist. Und wir werden tatsächlich fertig.

Ich fahre noch zum Einkaufen und begebe mich anschliessend auf die erste Testfahrt mit dem neuen Kamel.

Ich komme allerdings nicht sehr weit. Der Verkehr ist dicht und zwei Unfälle verstopfen die Strassen.

Offenbar ist das an einem Freitag in Kapstadt nicht einmal besonders ungewöhnlich. Gemäss der Unfallstatistik der Stadt ist der Freitag tatsächlich der unfallreichste Wochentag.

Warum auch immer.

 

8.08.2026

Am Ende der afrikanischen Welt. 

Ich bin am südlichsten Ende vom afrikanischen Kontinent. In der Schule haben wir immer vom „Kap der guten Hoffnung“ gelernt.  Entgegen dem weit verbreiteten Glauben ist es nicht das Kap der Guten Hoffnung, welches rund 170 Kilometer weiter nordwestlich liegt.

Das südlichste Ende des afrikanischen Kontinents ist das Kap Agulhas (Nadelkap) in Südafrika.

Geografisch bildet die felsige Landspitze die exakte Grenze zwischen Atlantik und Indischem Ozean. Der Name stammt von portugiesischen Seefahrern und bedeutet übersetzt „Nadelkap“. Er bezieht sich darauf, dass die Kompassnadel hier genau auf den geografischen Nordpol zeigte. Aufgrund tückischer Strömungen und Untiefen gilt die Küste seit jeher als extrem gefährlich. Zahlreiche Schiffswracks zeugen bis heute von den Stürmen an dieser berühmten Passage. Ein markantes Steinmonument und eine Tafel markieren vor Ort den Treffpunkt der Ozeane. Der historische Leuchtturm von 1848 warnt bis heute vorbeifahrende Schiffe vor den Felsen. Mit seiner rauen Natur und Ruhe bietet das Kap einen Kontrast zum touristischen Kap der Guten Hoffnung.

Schon oft hab ich mir überlegt, dass ich eigentlich diese Reise zu einem völlig falschen Zeitpunkt mache. Hätte ich das mit 20-25 Jahren tun können, so hätte ich sicher ein viel besseren Geographieunterricht erteilt. Ich habe jetzt schon so viel Neues gelernt, zuvor hatte ich keine Ahnung davon.

 

9.08.2926

Lord Baden-Powell

Heute sehe ich hier eine Strasse, die nach Lord Baden-Powell benannt ist. Der Name kommt mir bekannt vor: Robert Baden-Powell (1857–1941) war tatsächlich der Gründer der Pfadfinderbewegung. Seine Verbindung zu Südafrika ist allerdings weit mehr als eine Randnotiz. Während des Zweiten Anglo-Burenkriegs (1899–1902) kommandierte er die britischen Truppen bei der 217 Tage dauernden Belagerung von Mafeking und wurde dadurch in Grossbritannien zum Nationalhelden. Die Erfahrungen mit den jungen Boten und Helfern in Mafeking beeinflussten später seine Idee der Pfadfinderbewegung, die er 1907 offiziell gründete. (scouts.org.za⁠)

Ganz so unbeschwert, wie der Name einer Pfadfinderstrasse heute klingt, ist seine Geschichte allerdings nicht. Baden-Powell war britischer Offizier und überzeugter Vertreter des Empire. Der Burenkrieg selbst war ein brutaler Kolonialkrieg zwischen dem Britischen Empire und den Burenrepubliken. Die britische «Politik der verbrannten Erde» führte zur Zerstörung von Farmen und zur Internierung von Zivilisten in Konzentrationslagern. Auch zehntausende schwarze Südafrikaner wurden in eigenen Lagern interniert und starben dort an Hunger und Krankheiten. Und übrigens vor allem Kinder. (South African History Online⁠)

So erinnert die Baden-Powell-Strasse heute nicht nur an den Gründer der Pfadfinder, sondern auch an ein Kapitel südafrikanischer Geschichte, das deutlich komplizierter ist, als es ein Strassenschild vermuten lässt.

 

10. August 2026

Arm und Reich

Es bleibt kalt und regnerisch. Im Kamel sind es nachts um die 8°. Und ich habe mir eine Erkältung zugelegt. Doch mit Ingwertee, Zitrone und chinesischen Kräutern habe ich mich wieder einigermassen fit gemacht. Ich will jedenfalls noch etwas in der Gegend herumreisen.

Heute fahre ich von Somerset nach Simon’s Town. Die Strecke führt durch wunderschöne Villenviertel am Meer, vorbei an touristischen Orten – aber auch immer wieder an Townships.

Noch nie auf der ganzen Reise habe ich das Gefühl, dass die Kluft zwischen Arm und Reich so gross sein kann wie hier. Es gibt unglaublich reiche Südafrikaner und es gibt unglaublich arme. Und das Erstaunliche ist, dass diese beiden Welten teilweise nur wenige Meter voneinander entfernt liegen. Eine hohe Mauer, ein Zaun, eine Strasse – und plötzlich wechselt die Welt.

Die Zahlen bestätigen meinen Eindruck. Südafrika gehört zu den Ländern mit der grössten Ungleichheit weltweit. Der Gini-Koeffizient liegt bei rund 54. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt er bei 33,8, in den USA bei 41,7. Der Gini-Koeffizient reicht von 0 für völlige Gleichheit bis 100 für völlige Ungleichheit.

Gleichzeitig leben nach Berechnungen der Weltbank rund 63 Prozent der Bevölkerung unter einer für Südafrika relevanten Armutsgrenze.

Während ich an gepflegten Villen mit hohen Mauern, grossen Gärten und Swimmingpools vorbeifahre, sehe ich wenig später eine völlig andere Welt. Hütten, zusammengebaut aus rostigen Autoteilen, Plastikresten und allem, was sich irgendwie als Baumaterial verwenden lässt. Dazwischen spielen Kinder im Müll. Menschen tragen zerschlissene Lumpen oder hüllen sich gegen die Kälte in alte Decken.

Das ist nicht einfach bescheidenes Leben. Das ist grosse Armut.

Und nur wenige Kilometer weiter stehen die weissen Villen am Meer. Gepflegte Gärten, hohe Mauern, Swimmingpools und Autos, die mehr kosten, als diese Menschen vermutlich in ihrem ganzen Leben verdienen werden.

Es ist ein Gegensatz, der mich beschäftigt. Südafrika ist ein reiches Land. Es gibt moderne Städte, eine entwickelte Wirtschaft, Luxus und Wohlstand. Und gleichzeitig leben Millionen Menschen unter Bedingungen, die für uns kaum vorstellbar sind.

Und dann sind da die Kinder.

Die Kinder am Rand der Townships winken mir zu. Sie lachen, freuen sich über das Kamel und winken, bis ich ausser Sichtweite bin. Ein paar Kilometer weiter sitzen Kinder in den wohlhabenden Umgebung und starren auf ihr Handy.

 

11. August 2026

Emil und Liliana

Ich versuche, das Schweizerische Konsulat in Kapstadt anzurufen, aber die Verbindung ist zunächst schlecht. Später ruft Herr Jud zurück. Dieser Kontakt funktioniert.

Meine Begleiter und ich haben auf unseren Reisen Emil und Liliana Schmid dreimal angetroffen. Liliana ist am 10. Mai 2024 während ihrer Reise in Abu Dhabi verstorben. Ihr Auto mit Hab und Gut und auch mit der Urne von Liliana steht nun hier in Südafrika auf dem Platz von Duncan.

Mittlerweile ist leider auch Emil im April dieses Jahres in der Schweiz verstorben.

Im Auto finden Duncan, Eli und ich eine Dokumentationsmappe mit der Sterbeurkunde, dem Kremationszertifikat, einer Passkopie der beiden und einem Schreiben der Schweizer Botschaft in Abu Dhabi. Dieses Auto ist die Geschichte zweier Menschen, die hier irgendwo auf ihre Vollendung wartet.

Das Bestattungsamt Zürich konnte eine Schwester von Emil ausfindig machen. Ich versuche, auch diese Frau zu kontaktieren – bislang ohne Erfolg. Ob Liliana noch Verwandte hat, kann ich leider nicht in Erfahrung bringen.

Die Asche von Emil wurde von seiner Schwester irgendwo in der Schweiz verstreut. Wir hier finden, dass auch Lilianas Asche in die Schweiz zurückgebracht und am gleichen Ort verstreut werden sollte. Die beiden waren ein gutes Team.

Vierzig Jahre lang waren sie gemeinsam unterwegs. Mehr als 750’000 Kilometer, 190 Länder – immer im gleichen blauen Toyota.

Duncan und Eli wissen nicht, wie sie weiter vorgehen können. Die ganze Geschichte ist ihnen inzwischen eine Last. Deshalb habe ich mich eingeschaltet.

Vielleicht ist es nicht mehr viel, was wir für die beiden tun können. Aber nach einer gemeinsamen Reise von vierzig Jahren sollte ihre Geschichte nicht einfach sang und klanglos auf einem Parkplatz in Südafrika enden.

 

12. August 2026

Letzte Gedanken zur Apartheid

Die Apartheid war ja irgendwie absolut. Und trotzdem gibt es viele hier, die sich nach einer starken, vor allem weissen Regierung sehnen.

Unter dem Reservation of Separate Amenities Act von 1953 wurden öffentliche Einrichtungen nach Hautfarbe getrennt. Die Apartheid unterschied offiziell vor allem zwischen Weissen, Schwarzen, Coloureds und Indern. Es gab Strände nur für Weisse, andere für Schwarze, Coloureds oder Inder. Dasselbe galt für Parkbänke, Toiletten, Bahnhöfe, Wartezimmer, Busse und sogar Friedhöfe. Die Schilder mit der Aufschrift «Whites Only» oder «Non-Whites» wurden zu Symbolen der Apartheid.

Jeder schwarze Südafrikaner musste ein Passbuch mit sich tragen. Darin standen unter anderem Wohnort und Arbeitgeber sowie Angaben darüber, wo er sich aufhalten durfte. Wer das Dokument nicht vorweisen konnte oder sich am falschen Ort befand, konnte verhaftet werden. Millionen Menschen wurden im Laufe der Jahre wegen Passverstössen festgenommen. Für viele war der Alltag deshalb von ständigen Polizeikontrollen geprägt.

Durch den Group Areas Act wurden ganze Stadtteile nach Hautfarbe eingeteilt. Hunderttausende Menschen verloren dadurch ihr Zuhause und wurden zwangsumgesiedelt.

Das bekannteste Beispiel ist District Six in Kapstadt. Rund 60’000 Bewohner wurden vertrieben, ihre Häuser abgerissen und das Quartier praktisch ausgelöscht, nachdem es 1966 zum «weissen Gebiet» erklärt worden war.

Ehen zwischen Menschen verschiedener Hautfarben waren verboten. Auch sexuelle Beziehungen zwischen ihnen waren strafbar. Der Staat griff damit sogar in das Privatleben ein. Paare wurden überwacht, angezeigt und teilweise verurteilt – nur weil sie unterschiedliche Hautfarben hatten.

Interessant ist auch, welche Rolle die Schweiz während der Apartheid spielte. Für Südafrika setzte sich zum Beispiel SVP-Politiker Christoph Blocher gegen Wirtschaftssanktionen ein und vertrat die Ansicht, Handel sei wirksamer als Isolation. Kritiker sehen darin eine politische Unterstützung des Apartheidregimes.

Mein Seminar-Kollege Dr. phil. Peter Hug ist Geschichtsforscher und hat sich speziell mit den militärischen, rüstungsindustriellen und nuklearen Beziehungen der Schweiz zu Südafrika und mit der Apartheid beschäftigt. Ich darf hier einen Link zu seiner Arbeit einfügen.

Ein Coloured, C., gibt mir dazu ein paar Gedanken mit. Viele Coloureds, die Weissen sowieso, aber auch einige Schwarze, würden sich die Zeit zurückwünschen, als die Weissen die Macht hatten. Das erstaunt mich sehr.

C. erzählt von der Korruption, durch die sehr viel Geld verschwinde. Als Beispiel nennt er den Hausbau: Wenn Weisse ein Haus bauen, stehe das Haus am Ende und koste 100 Prozent. Davon würden vielleicht 80 Prozent als Gewinn an den weissen Unternehmer verschwinden. Wenn Schwarze bauen, koste das Projekt vielleicht nur 80 Prozent – am Ende sei aber das Geld verschwunden und es stehe kein Haus.

C. erzählt auch von einer Bewilligung, die er einmal erhalten wollte. Ein hoher Beamter kam vorbei und stellte fest, dass alles in Ordnung war. Zuletzt wollte der Beamte jedoch einen «braunen Umschlag». Als C. dies verweigerte, bekam er die Bewilligung nicht. 

C. sagt, dass die Provinz Westkap eine der besten sei, weil dort die Macht der ANC-Regierung weniger stark sei. Weisse würden heute nichts zu sagen wagen, weil sie sonst sofort als Rassisten bezeichnet würden und möglicherweise vor Gericht landeten. Zudem seien die Schwarzen im Westkap in der Minderheit.

C. behauptet auch, dass Schwarze sehr oft die Tendenz hätten, einfach vom System zu profitieren. Obwohl sie eine unentgeltliche Chance auf Bildung hätten, würden viele diese nicht nutzen wollen.

In der Garage treffe ich einen kleinen, schwarzen Mann. Er ist sehr lebhaft und lacht gerne. Er wohnt in einem Township. Dort gebe es bis zu 15 Tote in einer Woche – vor allem durch Schiessereien zwischen Gangs. Er lacht darüber. Er sei sich das gewohnt. Zu Hause habe er zwar auch eine Waffe, aber er versuche, sich aus dem ganzen Treiben herauszuhalten.

Ein sicheres Leben könne er sich kaum vorstellen. Es herrsche eine andauernde Unsicherheit. Ja, sagt er, das sei eben so. Früher sei es besser gewesen. Früher Zur Zeit der Apartheid.

Ich staune. Er ist schwarz und sehnt sich die Apartheid zurück? Wenn er könnte, würde er die Zeit sofort zurückdrehen. Es sei zwar ungerecht gewesen, sagt er. Die Armut habe es auch damals gegeben. Aber es sei sicherer gewesen.

Ich mache mir Gedanken: Wenn sogar Schwarze sagen, dass die heutige Regierung schlecht ist und dass sie sich die Zeit der Apartheid zurückwünschen, wie soll sich die Situation hier denn verbessern?

 

13. August 2026

Paternoster

Nun bin ich eigentlich definitiv zu spät. Heute sollte ich schon viel weiter nördlich in den Cederbergen sein. Aber irgendwie werde ich das wohl wieder aufholen.

Zuerst habe ich noch etwas Wäsche gewaschen, denn gestern Abend hat es nicht geklappt. Keine Sonne, keine Waschmaschine, weil die mit Solar funktioniert. Dafür trocknet die Wäsche heute sehr schnell: Der Wind ist trocken und es ist relativ warm, bis zu 31 °C. Wenn ich denke, dass gestern Morgen noch 1 °C war!

Dann bin ich durch die eher langweilige Gegend gefahren – Steppe, Sträucher und Büsche – bis nach Paternoster.

Und morgen geht es dann weiter in Richtung Cederberge.

Eine wunderbare Nachtstimmung: In diesem Bouldern den Nachthimmel zu sehen mit all diesen Sternen, das Rauschen des Atlantiks, die Ruhe. Und ab und zu dreht sich der Lichtstrahl des Leuchtturms über dem Kamel.

 

14. August 2026

Oasis

Ich fahre in die Cederberge. Die Piste führt über Wuppertal. Wunderschöne Landschaften mit ganz besonderen Steinformationen. Ich komme nur sehr langsam vorwärts, die Piste hat es in sich. Manchmal ist sie auch nur ein Auto breit. Ab und zu muss ich sogar durchs Wasser fahren.

Und irgendwann kommt mir ein ganzer Tross mit zehn Geländefahrzeugen entgegen. Es lohnt sich zu warten. Alle Beifahrer halten sich fest und haben ganz weisse Knöchel – wie damals Edi auf der Peru-Strasse. Alle sind mit einem Funkgerät miteinander verbunden. Offenbar macht man hier solche Ausflüge mit Geländefahrzeugen.

Am Abend komme ich ins Oasis. Dieser Ort hat tatsächlich den Namen verdient: Es ist eine grüne Insel inmitten von Wüste und Steinhaufen.

 

15. August 2026

Die San

Ich komme zu einer Felsenmalerei. Nicht Handabdrücke, sondern Elefantenjäger. Die Malereien sollen von den San stammen. Diese Bevölkerungsgruppe war hier zu Hause, auch in der Gegend des Nationalparks, in dem ich heute Abend übernachte. Die Buren hätten sie bekämpft und misshandelt, aber auch umgebracht.

Wenn man in Südafrika die alten Felsmalereien der San sieht, wird einem bewusst, wie weit ihre Geschichte zurückreicht. Die San gehören zu den ältesten Bevölkerungsgruppen des südlichen Afrikas und lebten hier bereits seit vielen Tausend Jahren als Jäger und Sammler. Ihre Felszeichnungen zeigen Menschen, Tiere und Jagdszenen und geben einen faszinierenden Einblick in eine längst vergangene Welt.

Mit der Ankunft der europäischen Siedler änderte sich ihr Leben dramatisch. Die San verloren zunehmend ihr Land und ihre Lebensgrundlage. Sie wurden von den niederländischen Siedlern am Kap und später auch von den Buren verfolgt und bekämpft. Viele wurden getötet, andere vertrieben oder als Arbeitskräfte versklavt. Auch Krankheiten und der Verlust ihrer traditionellen Lebensweise setzten ihnen zu.

Die Geschichte der San ist damit eine der tragischsten Geschichten der Kolonialisierung Südafrikas. Ein Volk, das dieses Land seit Jahrtausenden bewohnte, wurde innerhalb weniger Generationen immer weiter zurückgedrängt.

 

 

 

 

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