10. bis 31. Juli 2026
Ankommen in Südafrika
Man sagt, in Südafrika müsse man zuerst ankommen – nicht nur geografisch, sondern vor allem innerlich. Es sind nicht nur die Landschaften oder das andere Tempo des Lebens, sondern vor allem die Menschen. Ihre Herzlichkeit und Offenheit lassen einen spüren, dass man willkommen ist. Erst dann beginnt Südafrika seine ganze Schönheit zu entfalten.
Und dann ist da noch der Winter. Irgendwie fühlt es sich ungewohnt an, in Afrika zu sein und morgens die Jacke anzuziehen. Doch genau das ist die Realität am Kap. Man muss sich erst daran gewöhnen, Xhosa, Zulu oder Basotho mit Wintermützen und dicken Jacken zu begegnen.
Südafrika unterscheidet sich stark von allen Ländern, die ich bisher bereist habe. Eben auch von diesen afrikanischen Ländern, die ich bereits kennenlernen durfte.
Die Geschichte der San und Khoi, die Kolonialzeit, die Burenkriege und vor allem die Apartheid prägen das Land bis heute. Seit den ersten freien Wahlen 1994 und der Präsidentschaft von Nelson Mandela hat sich politisch vieles verändert. Die südafrikanische Verfassung vom 4. Februar 1997 gehört zu den fortschrittlichsten der Welt. Sie verbietet Diskriminierung ausdrücklich und garantiert Rechte auf Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und soziale Unterstützung.
Im Alltag zeigt sich jedoch, dass Geschichte nicht von heute auf morgen verschwindet. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist gewaltig. Hinter hohen Mauern, Stacheldraht und Überwachungskameras leben viele Menschen in Sicherheit, während in den Townships noch immer bittere Armut herrscht. Gleichzeitig höre ich ganz unterschiedliche Sichtweisen: Manche weisse Südafrikaner fühlen sich heute benachteiligt, während viele Schwarze darauf hinweisen, dass gesellschaftliche Grenzen und Vorurteile nach wie vor bestehen. Wer zuhört, merkt schnell, wie komplex dieses Land ist und wie vorsichtig versimplete Urteile wären.
Auch ich muss mich anpassen. Nach Einbruch der Dunkelheit bin ich kaum mehr zu Fuss unterwegs. Den Fotoapparat lasse ich meistens im Auto, das Handy bleibt tief in der Hosentasche und beim Autofahren halte ich an Kreuzungen bewusst genügend Abstand zum Vordermann, um im Notfall ausweichen zu können. Vieles wirkt zunächst ungewohnt, wird aber mit der Zeit zur Routine.
Die ersten Wochen verbringe ich deshalb nicht auf Safari, zum Teil auf dem Campingplatz, aber vor allem in Werkstätten. Das Kamel braucht nach den vielen tausend Kilometern Zuwendung. Kleinere Reparaturen stehen an, Benzin Kanisterhalter neu richten, Türschwellen behandeln, Stiege neu schweissen, Radkastensteinschutz beim Tank erneuern, der Getriebeschutz muss besser montiert und die Türfalle bei der hinteren Türe muss gangbar gemacht werden. Bei der Türe gibt es neu eine Abstützmöglichkeit für Ellbogen. Die Frontscheibe wird neu abgedichtet. Das untere Bett wird über dem dritten Sitz besser abgestützt. Rostschutz wird erneuert und die Elektrik überarbeitet.
Vor allem das Hubdach beschäftigt mich intensiv. Nach langem Abwägen entscheide ich mich, das bisherige Dach zu ersetzen. Die Konstruktion hat sich über Jahre als zu schwer und zu anfällig erwiesen. Hier finde ich eine leichtere und durchdachtere Lösung, die den Belastungen einer solchen Reise wesentlich besser standhalten dürfte.
Beeindruckt bin ich von der Professionalität der südafrikanischen Spezialisten. Vieles wird pragmatisch gelöst, sorgfältig ausgeführt und gemeinsam besprochen. Ich spüre, dass das Kamel hier in guten Händen ist.
Erst jetzt wird mir auch bewusst, wie reibungslos die Verschiffung von Uruguay nach Südafrika letztlich funktioniert hat. Das Kamel ist bereits im Mai nördlich von Kapstadt angekommen. Duncan übernimmt die Zollformalitäten, stellt das Fahrzeug sicher ab und betreibt gleichzeitig einen Campingplatz. Für mich ist das ein riesiger Vorteil, denn ich muss bei der Ankunft des Containers nicht einmal persönlich anwesend sein.
Auf diesem Campingplatz erwartet mich allerdings auch ein trauriger Moment. Dort steht der blaue Toyota von Emil und Liliane Schmid. Den beiden bin ich früher zweimal begegnet – im Iran und später auf Borneo. Sie waren aussergewöhnlich herzliche Menschen und während rund vierzig Jahren gemeinsam mit ihrem Toyota auf Weltreise. Es war eine Weltrekordreise. Liliane verstirbt 2024 an Krebs, Emil folgt ihr im April 2026. Ihr Fahrzeug steht nun verlassen da. Die Geschichte berührt mich sehr. Ich nehme mir vor, nach Möglichkeit mitzuhelfen, dass die beiden auch nach ihrem Tod wieder einen gemeinsamen Platz finden.
So beginnt meine Afrikareise ganz anders als geplant. Statt schon Ende Juli loszufahren, bleibe ich noch einige Tage länger in Kapstadt. Es gibt noch einiges zu erledigen, bevor das Kamel wieder bereit ist. Wenn alles klappt, werde ich Anfang August endgültig aufbrechen – gespannt auf das, was dieser neue Kontinent bereithält.
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