Berichte 16.02. – 28.02.2026 

Montag, 16. Februar 2026

Eigentlich bin ich auch hierher gekommen, um den Karneval zu sehen. Bis nach Rio de Janeiro hinaufzufahren, das wagte ich nicht. Zu weit, zu unübersichtlich, zu viel Trubel.

Und nun kommt der Karneval einfach in die Strassen meines Quartiers. Besser kann es kaum laufen. So kann ich versuchen, halbwegs sicher zu fotografieren. Ansonsten nehme ich den Fotoapparat hier nicht mit in die Stadt.

Es ist ein heisser Karneval. Vielleicht eher klein im Vergleich zu den grossen Umzügen des Landes, aber keineswegs weniger leidenschaftlich. Bunte Kleider und Tücher, viel Schminke, erstaunlich wenig Masken – dafür umso mehr originelle und schräge Hüte.

Und die Musik. Diese Rhythmen gehen direkt in die Beine. Man steht nicht lange still, selbst wenn man nur beobachten will. Die Trommeln treiben alles vor sich her, die Lautsprecher scheppern, und die Menge bewegt sich wie eine einzige, schwitzende, lachende Welle.

Die Leute sind hervorragend drauf. Wenn ich ein Foto mache, werde ich gleich mit Applaus, Gesten und Posen belohnt. Fotograf und Motiv feiern sich gegenseitig.

Das Problem dabei: Ich habe implizit versprochen, die Bilder auch zu posten. Hmmm…

 

Dienstag, 17. Februar 2026

Zuerst gönne ich mir eine kleine Ruhezeit von etwa drei Stunden. Nach der durchgemachten Karnevalsnacht ist das auch dringend nötig. Dann fahre ich weiter Richtung Süden, Richtung Uruguay.

Am Nachmittag finde ich einen Campingplatz unweit von São Lourenço do Sul, der eigentlich zum längeren Verweilen einladen würde. Alles ist sehr ruhig, ländlich, und die Infrastruktur ist ausserordentlich gut gepflegt, mit Swimmingpool und riesigem Aufenthaltsraum. Man merkt, dass hier mit Sorgfalt gearbeitet wird.

Die Familie, die den Platz betreibt, ist sehr nett, offen und unkompliziert. Keine grossen Formalitäten, eher ein freundliches Willkommen und ein Platz nach Wahl.

Ich bin jedoch so müde, dass ich mich relativ rasch ins Kamel zurückziehe. Kaum liege ich, schlafe ich auch schon tief und fest. Keine Musik, kein Verkehr, kein Karneval – nur Stille und ein Körper, der sich seine Pause holt.

 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Wieder eine längere Fahrt steht an, diesmal über die Grenze nach Uruguay. Zunächst verlasse ich Brasilien und komme in den Grenzort Chuy. Chuy ist ein besonderer Ort: Die Stadt ist faktisch in zwei Länder geteilt – auf der einen Seite Brasilien, auf der anderen Uruguay. Die Grenze verläuft mitten durch die Hauptstrasse, ohne Schlagbaum, ohne Mauer, nur durch eine gedachte Linie und unterschiedliche Währungen markiert.

Eine Strasse dort finde ich besonders amüsant. Auf der einen Seite kaufe ich Wasser mit brasilianischen Real. Dann überquere ich einfach die Strasse – und auf der anderen Seite bezahle ich meine Pizza mit uruguayischen Pesos.

Das Auto steht noch in Brasilien, doch die Stossstange ragt bereits nach Uruguay. Zwei Länder, ein Parkplatz.

Der Ort lebt von zollfreien Angeboten. Überall locken Duty-Free-Läden mit Parfum, Alkohol, Elektronik und allem, was man angeblich günstiger braucht. Aber ich habe eigentlich alles – und vor allem keinen zusätzlichen Platz im Auto. Also kaufe ich nichts, auch nicht taxfree.

Heute enden die Aufzeichnungen meiner Route. Sie sind mit dem Satellitensender verbunden, und das Abo kostet monatlich 35 Franken. Da ich wohl kaum einen weiteren Monat hier in Südamerika beziehungsweise auf dieser Reise unterwegs bin, stelle ich das Abo ein.

Ein merkwürdiger Moment: Solange die Punkte auf der Karte markiert werden, fühlt sich alles offiziell nach Expedition an. Ohne Tracking bleibt die Reise zwar dieselbe – aber sie wird wieder etwas privater, weniger dokumentiert, weniger sichtbar.

Heute besichtige ich eine Schildkrötenstation. Die Tiere sind allerdings offenbar selbst gerade auf Reisen. Es gibt keine zu sehen. 

Dafür gibt es dort einen wunderbaren Gratisparkplatz, und der ist gut gefüllt. Viele argentinische und brasilianische Camper stehen hier, kleine rollende Zuhause, jeder mit seiner eigenen Geschichte.

So wird aus der ausgefallenen Schildkrötenbegegnung immerhin ein kleiner Treffpunkt unter Reisenden – mit dem letzten Satellitenpunkt von gestern.

 

Donnerstag, 19. Februar 2026

Heute geht es bis nach Punta del Este. Der bekannte Badeort wirkt schon bei der Einfahrt mondäner als vieles, was ich zuletzt gesehen habe. Hochhäuser, breite Strassen, viel Ferienatmosphäre. Ich finde eine Bleibe und buche den Campingplatz gleich für zwei Nächte. Hier soll es doch einiges zu entdecken geben. Morgen gehe ich auf Erkundungstour rund um die Punta.

In der Nacht regnet es wieder einmal heftig. Überall bilden sich Pfützen auf dem Platz, und der Boden wird weich. Für das Kamel ist das kein Problem.

Ich schlafe selbst bei Gewittern gut im Hochdach. Wenn der Regen aufs Dach trommelt und der Wind an den Zeltwänden rüttelt, fühlt sich das eher gemütlich an als bedrohlich – wie in einem kleinen Segelboot,  nur eben am statt im Atlantik.

 

Freitag, 20. Februar 2026

So viel bin ich schon lange nicht mehr zu Fuss unterwegs gewesen. 17’453 Schritte zählt das Telefon. Ich umrunde die Halbinsel und schaue mir praktisch jeden Strand an: Playa Mansa, Playa Brava, Playa El Emir und Playa de los Ingleses. Jeder hat seinen eigenen Charakter – mal ruhiger, mal wilder, mal mit ordentlich Brandung.

Bald merke ich jedoch, dass dies nicht ganz meine Welt ist. Punta del Este wirkt wie die Bühne der Schönen und Reichen. Gepflegte Körper, grosse Sonnenbrillen, luxuriöse Apartments mit Meerblick. Hier wird flaniert, gesehen und gesehen werden. Die Preise sind entsprechend höher als im restlichen Uruguay, und man spürt, dass viel Geld im Spiel ist.

Trotzdem gibt es Momente, die mich berühren. Besonders früh morgens bei Casapueblo in Punta Bellana. Das weisse Gebäude klebt fast wie eine Skulptur an der Küste. Es ist das Haus des uruguayischen Künstlers Carlos Páez Vilaró, heute Museum, Galerie, Hotel und Restaurant zugleich. Die Architektur wirkt verspielt und organisch, fast wie ein mediterranes Inseldorf. Ein bisschen erinnert es an Santorini, nur dass hier der Atlantik rauscht.

Ich bin tief beeindruckt von seiner Malerei. In den klaren, markanten Linien spiegelt sich ein neugieriges, aktives und weltzugewandtes Leben. Man spürt die Reisen, die Begegnungen, die Offenheit für andere Kulturen. Die Farben sind kräftig, fast rhythmisch, und erzählen von Bewegung und Energie. Seine Bilder wirken lebendig – wie Momentaufnahmen eines Menschen, der stets unterwegs ist und doch immer wieder nach Uruguay zurückkehrt.

 

Samstag, 21. Februar / Sonntag, 22. Februar 2026

So, weg vom touristischen Geschehen. Heute geht es zu Gertrud und ihrer Familie nach La Floresta. Das Haus liegt wunderschön direkt am Meer – natürlich an einem Strand, wie könnte es hier anders sein.

Gertrud stammt aus dem Kanton Bern. Ihren Mann André lernte sie im Welschland kennen. Seit vielen Jahren lebt die Familie nun in Uruguay. Zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Heimaten – und beides hat hier seinen festen Platz.

Übrigens ist auch Esther S. aus der Schweiz gerade auf Besuch – sie ist eine Kusine von Theres M.

Ich darf ein paar Tage bleiben und habe das Glück, Uruguay nicht nur als Reisender zu erleben, sondern durch eine persönliche Perspektive. In den Gesprächen am Tisch, bei Spaziergängen am Strand und beim gemeinsamen Essen erfahre ich viel über das Leben hier: über Mentalität, wirtschaftliche Voraussetzungen, Herausforderungen und Freiheiten.

Es tut gut, das Land eben nicht nur durch Landschaften und Sehenswürdigkeiten zu entdecken, sondern durch Menschen.

 

Montag, 23. Februar 2026

Heute ist der letzte Tag bei André, Dylan und Gertrud – und Esther. Noch einmal wasche ich kurz das Auto, putze innen durch und räume alles aus. Danach bereite ich die Gepäckstücke für das Flugzeug vor.

Es muss gut überlegt sein, was im Auto zurückbleibt und was mitfliegt. Beim Ausräumen tauchen plötzlich drei Bananen auf, die sich hinter dem dritten Sitz bei der Schuhablage versteckt haben. Gerade noch rechtzeitig gefunden. Man möchte sich nicht vorstellen, wie sie nach ein paar Wochen im geschlossenen Wagen ausgesehen hätten.

 

Dienstag, 24. Februar 2026

Ein weiterer Abschied, dann fahre ich los. Nun bin ich in Montevideo. Es ist das ursprüngliche Ende meiner Südamerikareise.

Mitten in der Stadt finde ich eine überraschend günstige Unterkunft – und erst noch in einem Wahrzeichen Uruguays: im Palacio Salvo.

Das Gebäude wird 1928 eröffnet, entworfen vom italienischen Architekten Mario Palanti. Mit 105 Metern Höhe – inklusive Leuchtfeuer – ist es damals das höchste Haus Südamerikas. Später verliert es diesen Titel an das Kavanagh-Gebäude.

Palantis Vision verbindet Montevideo mit Buenos Aires: Sein fast identischer Bau, der Palacio Barolo, sollte mit dem Leuchtfeuer des Salvo über den Río de la Plata hinweg korrespondieren. Technisch gelingt das nie – die Idee bleibt.

Und ich wohne nun für ein paar Nächte mitten in dieser Geschichte.

 

Mittwoch, 25. Februar 2026

Und jetzt folgt der ganz grosse Abschied auf dieser Reiseetappe. Das Kamel steht im Container – zusammen mit dem Land Cruiser von Manfred B., einem sehr sympathischen Overlander mit einem ähnlichen Fahrzeug. Er will bereits im Mai in Südafrika weiterfahren.

Die Verschiffung läuft erstaunlich reibungslos. Zollabfertigung und Fahrzeugabgabe sind innerhalb von zwei Stunden erledigt. Das ist vor allem Massimo Bianco, seinem Partner Eduardo und dessen Sohn hier in Montevideo zu verdanken. Alles ist bestens organisiert.

Ja, dieser Moment hat gedauert. Aber nun bin ich spürbar erleichtert – vor allem um die 3200 Kilo des Kamels.

Jetzt bleibt nur die Hoffnung, dass die beiden Autos das Geschaukel auf See gut überstehen.

 

Donnerstag, 26. Februar 2026

Heute bin ich noch einmal mit dem Fotoapparat unterwegs. Montevideo ist hübsch, keine Frage. Und doch habe ich kaum mehr Lust, viel zu fotografieren. Ein paar Bilder entstehen trotzdem.

Montevideo ist weitläufig, mit viel Himmel zwischen den Häusern. Keine spektakuläre Metropole, sondern eher ruhig und bodenständig. In der Altstadt gibt es viele Fussgängerzonen und Parks. Ich treffe mich nochmals mit Manfred, wir werden uns wohl in Deutschland oder der Schweiz wieder treffen.

Am Abend steige ich in den Bus Richtung Brasilien zurück. Zuerst geht es zurück nach Porto Alegre. Dort bleibe ich zwei Tage und fahre danach wohl weiter an den Strand. Die Stadt mit ihren Cafés hat es mir ein wenig angetan. Und seit dem Karneval kenne ich dort auch ein paar Leute.

Der Bus fährt durch die ganze Nacht. Fast zwölf Stunden wird die Reise dauern.

 

Freitag, 27. Februar 2026

Ich bin gerädert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Um 9.30 Uhr komme ich an, kann aber im AirBnB noch nicht einchecken – man zeigt sich wenig flexibel. Also watschele ich mit Koffer und Rucksack durch die Strasse.

Zum Glück kenne ich den alten Coiffeur um die Ecke. Damals hat er mir Haare und Bart geschnitten. Er erkennt mich sofort wieder und erlaubt mir, die Koffer bei ihm abzustellen. Dieses Mal bleibe ich beim kurzen Hallo und einem Dankeschön.

Am Abend verfasse ich diese Berichte. Ab morgen stelle ich die Berichterstattung ein – und später, aus der Schweiz, werde ich wohl eine Zusammenfassung dieser letzten Tage schreiben. Mein Rückflug findet am 6.3.statt.

 

Samstag, 28. Februar 2026

Diese Reiseetappe durch Südamerika geht zu Ende. Hinter uns liegen weite Landschaften, grosse Städte, kleine Dörfer, staubige Pisten, Atlantik- und Pazifikwind und viele intensivste Momente.

Mit Peter unterwegs zu sein, war unkompliziert und gut. Es hat einfach gepasst. Wir sind gesund geblieben, und abgesehen von Kleinigkeiten verlief alles praktisch pannenfrei. Dafür bin ich dankbar.

Das Kamel hat durchgehalten – viele Tausend Kilometer und unser Zuhause zugleich. Nun steht es im Container und wartet auf die nächste Etappe.

Was bleibt, sind vor allem die Begegnungen. Die Gespräche, die Offenheit, die Hilfsbereitschaft. Ein herzliches Dankeschön an all die vielen lieben Menschen, die mir auf dieser Reise begegnet sind.

Hier endet die Berichterstattung. Die Zusammenfassung folgt später – aus der Schweiz.

 

 

 
 

 

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