Sonntag, 1. Februar
In Ruiz de Montoya werde ich begrüsst wie in Wichtrach vor 50 Jahren. Jeder kennt jeden. Man grüsst sich, fragt nach der Befindlichkeit, bleibt kurz stehen. Und erstaunlicherweise weiss das ganze Dorf bereits von meiner Ankunft.
Die Familien Minder, Hug, Egloff, Egli, Schweri (Denner-Schweri-Verwandte), Rüesch, Würgler und weitere sind hier stark vertreten. Beim Vorbeifahren wird gewunken, gelächelt, und man freut sich sichtbar. Mein Auto ist als Schweizer Fahrzeug relativ leicht zu erkennen, was die Sache zusätzlich vereinfacht. So entstehen ganz selbstverständlich immer neue Kontakte.
Heute darf ich Barbara S. besuchen. Sie lebt seit 45 Jahren hier und war früher Kindergärtnerin im Zürcher Oberland. Heute engagiert sie sich stark für ärmere Menschen, auch für die Guaraní. Sie arbeitet direkt mit einer Gruppe von Indigenen zusammen, ist in Jugendfragen aktiv und bringt klare, eigene Perspektiven ein – auch dazu, welche Rolle die Behörden hierzulande spielen oder eben nicht spielen.
Am Abend kommen mehrere junge Leute zu Besuch. Es entstehen angeregte, lange und sehr spannende Gespräche. Einmal mehr wird mir bewusst, dass es auf der ganzen Welt gute Menschen gibt – viele davon denken erstaunlich ähnlich und schätzen die politische Situation in etwa so ein, wie ich das tue.
Zum Abschluss mache ich noch einen kurzen Besuch auf dem Friedhof. Dort steht ein riesiger, fast monströser Phylodendron, umgeben von unzähligen Termitenhügeln auf den Gräbern . Auch wenn mir auf dem Friedhof nicht ganz so wohl ist – es ist immer spannend, nach bekannten Namen Ausschau zu halten. Und tatsächlich: Aus nahezu jedem Kanton finden sich vertraute Schweizer Namen. Ich würde fast meinen, zwei Drittel der hier Begrabenen sind schweizerischen Ursprungs.
Übrigens: Die Schweiz führt in Ruiz de Montoya ein eigenes Konsulat.
Montag, 2. Februar 2026
Ich will meinem Ziel wieder etwas näher kommen, die Iguazú-Wasserfälle sind nur noch rund 200 Kilometer entfernt. Doch zunächst besuche ich noch Vanessa, eine Künstlerin, die archäologische Erkenntnisse zu indigener Keramik aufnimmt und traditionelle Verzierungen in ihre eigene Arbeit integriert. Was hier herumsteht, ist absolut faszinierend.
Seit mehr als einem Jahr verkauft sie wegen ihrer Babypause kaum etwas, doch die Keramik braucht sie weiterhin selbst, unter anderem zum Kochen nach traditioneller Art. Ich betrachte die Kunstobjekte staunend und gerate mit ihr in spannende Gespräche. Sie spricht perfektes Englisch, was den Austausch zusätzlich vertieft. Erst gegen zwölf Uhr mache ich mich auf den Weg.
Ich habe eine Adresse von Johann Waidelich erhalten, er könnte mir zu einem Platz unweit der Wasserfälle verhelfen. Ich erreiche ihn jedoch nicht. Und wie es der Zufall will, lande ich schliesslich genau auf seinem Campingplatz. Davon weiss ich zunächst nichts – aber die Welt ist bekanntlich klein.
Der Campingplatz steht einem europäischen Camping in nichts nach und wirkt fast wie eine sanfte Einstimmung auf eines der grossen Naturwunder, das nun in greifbare Nähe rückt.
Dienstag, 3. Februar 2026
Am Morgen regnet es stark. Das subtropische Klima wird spürbar: Nach dem Regen drückt die Hitze umso mehr, und die hohe Luftfeuchtigkeit tut ihr Übriges. Ich verschiebe den Besuch bei den Iguazú-Wasserfällen deshalb auf morgen.
Stattdessen besuche ich eine Privatanlage, den „Ecoparque (Reptiliario)“. Ich hatte gehofft, dass es den Krokodilen hier wenigstens einigermassen gut gehen würde. Die letzte Krokodilanlage, die ich in Darwin gesehen habe, hat mich damals schockiert – Tierquälerei sondergleichen. Meine Rezension auf booking.com wurde gestrichen, sie sei nicht konstruktiv gewesen.
Heute schreibe ich meine Kritik auf Google, und sie bleibt stehen:
El parque es fascinante en lo que respecta a la flora, y la sección de mariposas también merece una visita. Sin embargo, el cuidado de los animales es espantoso…
Es ist frustrierend, so etwas zu sehen, gerade an einem Ort, der eigentlich Natur vermitteln sollte.
Danach besuche ich Otto Waidelich im La-Aripuca-Park. Hier werde ich positiv überrascht und bin tief beeindruckt. Otto versucht seit 50 Jahren, den verbleibenden Urwald so gut wie möglich zu schützen. Mit diesem kleinen Park unterstützt er den Erhalt des subtropischen Waldes und klärt Besucher über Abholzung und Waldfrevel auf.
Er hat sogar eine Art Partnerschaft für Bäume gegründet – eine schöne Idee, die allerdings rechtlich noch nicht richtig umsetzbar ist.
Vom „Bosque Atlántico del Alto Paraná“ im Länderdreieck Brasilien, Argentinien und Paraguay sind nur noch etwa 7 % der ursprünglichen Fläche erhalten. Eine der besonders gefährdeten Baumarten ist der Riese Caña Fístula.
Ein Tag zwischen bedrückender Realität und echter Hoffnung – und morgen wartet schon das nächste Naturwunder.
Mittwoch, 4. Februar 2026
Ich verabschiede mich von zwei deutschen Reisenden, ebenfalls mit einem Toyota unterwegs… und gehe schon recht früh zu den Iguazú-Fällen. Auf der argentinischen Seite erlebt man dieses Naturwunder ganz nah: Über Stege und Wege gelangt man direkt an die Kaskaden heran, überall dröhnt und sprüht das Wasser, und der subtropische Wald steht wie eine grüne Wand rundherum.
Nach diesen Eindrücken bleibe ich nochmals auf dem naturnahen Campingplatz, der von der Familie Waidelich geführt wird. Man spürt hier überall die Idee dahinter: nicht einfach nur ein Übernachtungsplatz, sondern ein Ort, an dem Reisende wirklich willkommen sind. Dieser Platz steht einem europäischen in nichts nach.
Morgen geht es weiter, und zwar gleich mit einem kleinen geografischen Kunststück: Ich überquere zum ersten Mal die Grenze nach Brasilien, und kurz darauf auch noch jene nach Paraguay. Drei Länder im Umkreis weniger Kilometer – in Europa wäre das ein Tagesausflug, hier fühlt es sich trotzdem wie ein neues Kapitel an.
In Paraguay will ich im Umkreis von etwa 50 Kilometern eine Schweizer Auswanderin suchen. Ob das gelingt, ob eine gefunden werden kann? Ich weiss es nicht. Aber genau solche spontanen Spuren machen diese Reise aus: Man fährt los, ohne Garantie – und gerade deshalb bleibt es spannend.
Übrigens: Die argentinische Provinz Misiones ist nach den zahlreichen Jesuitenmissionen benannt, die im 17. und 18. Jahrhundert zur Evangelisierung der indigenen Guaraní-Bevölkerung in der Region errichtet wurden. Diese Siedlungen prägten die Geschichte und den Namen der Provinz im Nordosten Argentiniens nachhaltig, lange vor der Vertreibung des Ordens im Jahr 1767.