Berichte 01.02. – 15.02.2026

Sonntag, 1. Februar 2026

In Ruiz de Montoya werde ich begrüsst wie in Wichtrach vor 50 Jahren. Jeder kennt jeden. Man grüsst sich, fragt nach der Befindlichkeit, bleibt kurz stehen. Und erstaunlicherweise weiss das ganze Dorf bereits von meiner Ankunft.

Die Familien Minder, Hug, Egloff, Egli, Schweri (Denner-Schweri-Verwandte), Rüesch, Würgler und weitere sind hier stark vertreten. Beim Vorbeifahren wird gewunken, gelächelt, und man freut sich sichtbar. Mein Auto ist als Schweizer Fahrzeug relativ leicht zu erkennen, was die Sache zusätzlich vereinfacht. So entstehen ganz selbstverständlich immer neue Kontakte.

Heute darf ich Barbara S. besuchen. Sie lebt seit 45 Jahren hier und war früher Kindergärtnerin im Zürcher Oberland. Heute engagiert sie sich stark für ärmere Menschen, auch für die Guaraní. Sie arbeitet direkt mit einer Gruppe von Indigenen zusammen, ist in Jugendfragen aktiv und bringt klare, eigene Perspektiven ein – auch dazu, welche Rolle die Behörden hierzulande spielen oder eben nicht spielen.

Am Abend kommen mehrere junge Leute zu Besuch. Es entstehen angeregte, lange und sehr spannende Gespräche. Einmal mehr wird mir bewusst, dass es auf der ganzen Welt gute Menschen gibt – viele davon denken erstaunlich ähnlich und schätzen die politische Situation in etwa so ein, wie ich das tue.

Zum Abschluss mache ich noch einen kurzen Besuch auf dem Friedhof. Dort steht ein riesiger, fast monströser Phylodendron, umgeben von unzähligen Termitenhügeln auf den Gräbern . Auch wenn mir auf dem Friedhof nicht ganz so wohl ist – es ist immer spannend, nach bekannten Namen Ausschau zu halten. Und tatsächlich: Aus nahezu jedem Kanton finden sich vertraute Schweizer Namen. Ich würde fast meinen, zwei Drittel der hier Begrabenen sind schweizerischen Ursprungs.

Übrigens: Die Schweiz führt in Ruiz de Montoya ein eigenes Konsulat.

 

Montag, 2. Februar 2026

Ich will meinem Ziel wieder etwas näher kommen, die Iguazú-Wasserfälle sind nur noch rund 200 Kilometer entfernt. Doch zunächst besuche ich noch Vanessa, eine Künstlerin, die archäologische Erkenntnisse zu indigener Keramik aufnimmt und traditionelle Verzierungen in ihre eigene Arbeit integriert. Was hier herumsteht, ist absolut faszinierend.

Seit mehr als einem Jahr verkauft sie wegen ihrer Babypause kaum etwas, doch die Keramik braucht sie weiterhin selbst, unter anderem zum Kochen nach traditioneller Art. Ich betrachte die Kunstobjekte staunend und gerate mit ihr in spannende Gespräche. Sie spricht perfektes Englisch, was den Austausch zusätzlich vertieft. Erst gegen zwölf Uhr mache ich mich auf den Weg.

Ich habe eine Adresse von Johann Waidelich erhalten, er könnte mir zu einem Platz unweit der Wasserfälle verhelfen. Ich erreiche ihn jedoch nicht. Und wie es der Zufall will, lande ich schliesslich genau auf seinem Campingplatz. Davon weiss ich zunächst nichts – aber die Welt ist bekanntlich klein.

Der Campingplatz steht einem europäischen Camping in nichts nach und wirkt fast wie eine sanfte Einstimmung auf eines der grossen Naturwunder, das nun in greifbare Nähe rückt.

 

Dienstag, 3. Februar 2026

Am Morgen regnet es stark. Das subtropische Klima wird spürbar: Nach dem Regen drückt die Hitze umso mehr, und die hohe Luftfeuchtigkeit tut ihr Übriges. Ich verschiebe den Besuch bei den Iguazú-Wasserfällen deshalb auf morgen.

Stattdessen besuche ich eine Privatanlage, den „Ecoparque (Reptiliario)“. Ich hatte gehofft, dass es den Krokodilen hier wenigstens einigermassen gut gehen würde. Die letzte Krokodilanlage, die ich in Darwin gesehen habe, hat mich damals schockiert – Tierquälerei sondergleichen. Meine Rezension auf booking.com wurde gestrichen, sie sei nicht konstruktiv gewesen.

Heute schreibe ich meine Kritik auf Google, und sie bleibt stehen:

El parque es fascinante en lo que respecta a la flora, y la sección de mariposas también merece una visita. Sin embargo, el cuidado de los animales es espantoso…

Es ist frustrierend, so etwas zu sehen, gerade an einem Ort, der eigentlich Natur vermitteln sollte.

Danach besuche ich Otto Waidelich im La-Aripuca-Park. Hier werde ich positiv überrascht und bin tief beeindruckt. Otto versucht seit 50 Jahren, den verbleibenden Urwald so gut wie möglich zu schützen. Mit diesem kleinen Park unterstützt er den Erhalt des subtropischen Waldes und klärt Besucher über Abholzung und Waldfrevel auf.

Er hat sogar eine Art Partnerschaft für Bäume gegründet – eine schöne Idee, die allerdings rechtlich noch nicht richtig umsetzbar ist. 

Vom „Bosque Atlántico del Alto Paraná“ im Länderdreieck Brasilien, Argentinien und Paraguay sind nur noch etwa 7 % der ursprünglichen Fläche erhalten. Eine der besonders gefährdeten Baumarten ist der Riese Caña Fístula.

Ein Tag zwischen bedrückender Realität und echter Hoffnung – und morgen wartet schon das nächste Naturwunder.

 

Mittwoch, 4. Februar 2026

Ich verabschiede mich von zwei deutschen Reisenden, ebenfalls mit einem Toyota unterwegs… und gehe schon recht früh zu den Iguazú-Fällen. Auf der argentinischen Seite erlebt man dieses Naturwunder ganz nah: Über Stege und Wege gelangt man direkt an die Kaskaden heran, überall dröhnt und sprüht das Wasser, und der subtropische Wald steht wie eine grüne Wand rundherum. 

Nach diesen Eindrücken bleibe ich nochmals auf dem naturnahen Campingplatz, der von der Familie Waidelich geführt wird. Man spürt hier überall die Idee dahinter: nicht einfach nur ein Übernachtungsplatz, sondern ein Ort, an dem Reisende wirklich willkommen sind. Dieser Platz steht einem europäischen in nichts nach.

Morgen geht es weiter, und zwar gleich mit einem kleinen geografischen Kunststück: Ich überquere zum ersten Mal die Grenze nach Brasilien, und kurz darauf auch noch jene nach Paraguay. Drei Länder im Umkreis weniger Kilometer – in Europa wäre das ein Tagesausflug, hier fühlt es sich trotzdem wie ein neues Kapitel an.

In Paraguay will ich im Umkreis von etwa 50 Kilometern eine Schweizer Auswanderin suchen. Ob das gelingt, ob eine gefunden werden kann? Ich weiss es nicht. Aber genau solche spontanen Spuren machen diese Reise aus: Man fährt los, ohne Garantie – und gerade deshalb bleibt es spannend.

Übrigens: Die argentinische Provinz Misiones ist nach den zahlreichen Jesuitenmissionen benannt, die im 17. und 18. Jahrhundert zur Evangelisierung der indigenen Guaraní-Bevölkerung in der Region errichtet wurden. Diese Siedlungen prägten die Geschichte und den Namen der Provinz im Nordosten Argentiniens nachhaltig, lange vor der Vertreibung des Ordens im Jahr 1767.

 

Donnerstag, 5. Februar 2026

Die Grenzüberquerung dauert, aber ich komme doch noch rechtzeitig bei der Käserei in Yguazú an. Diese Stadt liegt 50km beim Dreiländereck, wo Argentinien, Brasilien und Paraguay aufeinandertreffen. Hier ist die Landschaft subtropisch, fruchtbar und landwirtschaftlich geprägt – ein Ort, an dem sich überraschend viele Einwanderergeschichten finden. Und hier zur Hauptsache von Japanischen Einwanderern.

Jimmy F. ist ein junger, aufgestellter Mann. Er ist noch jung, aber bereits Alleinunternehmer. Sein Vater, ein ausgewanderter Schweizer, ist leider sehr früh an Krebs verstorben. Die Käserei ist erstaunlich gross und wirklich sauber, und der Käse schmeckt entsprechend gut.

Ich mache ein Interview mit ihm und erfahre viel über die Gegebenheiten hier in seinem Umfeld. Er kennt jeden Bauern, der ihm die Milch bringt, und kann so die Qualität sicherstellen. Jimmy hat auch eine Lehre als Käser in Gruyère gemacht – sein Papa habe ihn dorthin geschickt. Und irgendwie merkt man: Hier bleibt ein kleines Stück Schweiz, weit weg von den Alpen, aber mit derselben Sorgfalt und viel Herzblut.

 

Freitag, 6. Februar 2026

Ich besuche bei CDE die Wasserfälle: Salto del Monday. CDE steht für Ciudad del Este, die zweitgrösste Stadt Paraguays, direkt an der Grenze zu Brasilien. Sie ist bekannt als quirliges Handelszentrum, laut, chaotisch und voller Bewegung – umso erstaunlicher, dass ganz in der Nähe ein Ort liegt, der so ruhig und natürlich wirkt.

Der Wasserfall wird kaum besucht, weil ja die Iguazú-Fälle in der Nähe sind. Und die sind halt etwas breiter, berühmter und von einer deutlich nobleren Infrastruktur umgeben. Hier dagegen ist alles einfacher, weniger geschniegelt, fast ein bisschen verborgen.

Gerade das macht den Salto del Monday aber besonders: Das Wasser stürzt mit gewaltiger Kraft in die Tiefe, und man hat das Gefühl, dieses Naturschauspiel fast für sich allein zu haben. Ein kleiner Geheimtipp im Schatten der grossen Nachbarn.

Am Abend steige ich endlich wieder einmal in einem Hotel ab. Ich habe keine Lust, in der Stadt das Auto ständig im Auge behalten zu müssen. Hier fahre ich – fast wie bei einem Motel – direkt bis vors Zimmer. Dann wird ein Tor geschlossen, und wieder einmal fühlt sich die Nacht richtig entspannt und sicher an.

 

Samstag, 7. Februar 2026

Vier Stunden stehe ich im Stau bis zur brasilianischen Grenze. Eine endlose Kolonne aus Lastwagen, Autos, Hitze und Geduld. Und mittendrin zeigt sich, wie Korruption hier manchmal ganz selbstverständlich funktioniert.

Ein Offizieller kommt direkt zu meinem Auto, stellt sich als Polizei vor und macht mir einen Vorschlag: Er könne mir helfen, ganz vorne in die Warteschlange einzureihen. Das ginge schnell – koste aber etwas. 50’000 Guaraní.

Ich lehne ab. Korruption unterstütze ich nicht. Also fahre ich die fünf Kilometer zurück und stelle mich brav wieder hinten an, wo ich hingehöre. Es dauert länger, aber es fühlt sich richtig an.

Als ich endlich in Brasilien bin, wird es sofort interessant: Nur zwei Kilometer weiter will plötzlich niemand mehr Spanisch verstehen. Vielleicht liegt es am Sprachwechsel – vielleicht auch an meinem etwas eigenwilligen Akzent. Jedenfalls merke ich: Ich bin wieder in einer neuen Welt, obwohl die Grenzlinie auf der Karte so fein ausgezogen aussieht.

 

Sonntag, 8. Februar 2026

Eine wunderbare Urwaldstrasse liegt vor mir. In leuchtenden rot-grünen Farben kommt das Kamel langsam vorwärts. Die Strasse ist unbefestigt, aber eigentlich gut befahrbar, und überall flattert Leben: Schmetterlinge in allen Grössen…

Beim Fotografieren bin ich wie immer zu langsam. Kaum halte ich an, ist das Motiv schon wieder weg. Ich komme mir vor wie im Mani-Matter-Lied vo dr Chue am Waldrand: Man schaut, überlegt den Ausschnitt, das Licht, die Geschwindigkeit – und zack, ist der Moment vorbei und das Motiv kommt nicht zurück…

Ich fahre weiter Richtung Südosten. Jetzt gilt es, grössere Distanzen zurückzulegen, ohne dabei all die kleinen schönen Augenblicke zu verpassen.

Irgendwann erreiche ich das letzte argentinische Dorf. Es ist Sonntag, alles ist geschlossen, und ich bin hungrig. An einer Tankstelle bekomme ich immerhin ein Sandwich – nicht gerade Haute Cuisine, aber in diesem Moment fühlt es sich wie ein Festmahl an.

Kurz darauf stehe ich am Zoll. Auf der argentinischen Seite geht alles problemlos. Auf der brasilianischen dauert es etwas länger: Das TIP (Temporäre Einfuhrbewilligung) für das Kamel muss der Zöllner von Hand eingeben, und dann wartet er (und ich) geduldig auf die Bestätigung.

Wir sitzen zu dritt gemütlich vor dem Zollhäuschen und entscheiden gemeinsam, wer kontrolliert wird und wer einfach durchrollen darf. Eigentlich werden fast alle durchgewunken. Zwei Liter Wein dürfe man mitnehmen, maximal 500 US-Dollar an neuen Sachen. Wein werde zwar oft geschmuggelt, aber das sei ihnen ehrlich gesagt ziemlich egal.

Viel interessanter ist für sie meine Geschichte. Einer spricht sogar ein bisschen Spanisch – und ich auch nur ein bisschen. Zusammen reicht es aber für eine fröhliche Unterhaltung, und plötzlich wird der Grenzübertritt fast zu einem kleinen Sonntagstreffen.

Auf der anderen Seite ist es schon fast dunkel. Ich habe keine Lust mehr, noch einen Campingplatz zu suchen. Der nächste wäre zwar nur fünf Kilometer entfernt, aber heute fehlt mir die Energie.

Ich frage bei einer Tankstelle nach und bekomme einen gemütlichen Platz dort, wo sonst Reifen gewechselt werden. Es gibt sogar ein WC. Nur meinen Benzinkocher solle ich besser nicht direkt neben der Tankstelle benutzen, meinen die Tankwärter – nach einer kurzen Besichtigung des Kamelinnern.

So endet der Tag unspektakulär, aber freundlich: irgendwo zwischen Urwald, Zollhäuschen und Reifenservice.

 

Montag, 9. Februar 2026

Heute Abend erlebe ich ziemlich das Gegenteil von gestern. Hier gibt es ein «Posto», eine Tankstellenanlage mit Camping, die sehr sicher wirkt. Sie ist bewacht, es gibt Licht, saubere Toiletten und erstaunlich gepflegte Duschen. Zudem hat es ein Top-Restaurant zu günstigsten Preisen. Ich glaube es fast nicht: Alle Arten von Salat und Gemüse stehen bereit, und man kann sich wie bei einem Buffet den Teller selbst zusammenstellen.

Die Familie – inzwischen sind es zwei Brüder – betreibt die Tankstelle und die Garage seit 1976. Die Anlage umfasst neben Restaurant und Zapfsäulen auch eine Werkstatt und eine Reifenreparaturhalle. Ich werde sehr persönlich empfangen und muss nicht einmal für die Dusche zahlen.

Die letzte Nacht hingegen war ein ganz anderes Kapitel. Es ist etwa drei Uhr morgens, als ich plötzlich Stimmen höre. Schritte. Gelächter. Dann sehe ich sie hinten durchs Fenster: Junge Männer, vielleicht ein halbes Dutzend, die sich um mein Auto herum bewegen.

Sie wirken aufgedreht, fast wie bei einem nächtlichen Fest. Einer lehnt am Kamel, ein anderer verschwindet kurz im Dunkeln und kommt wieder zurück. Es riecht nach Marihuana, irgendwo wird gekokst. Ich kann die Situation nicht wirklich einordnen: Neugierige? Be-Kiffte? Oder doch etwas Gefährlicheres?

Im Kopf läuft sofort mein Alarmprogramm ab. Ich speichere den Polizeinotruf +55 190, greife nach dem Bärenspray, die Trillerpfeife liegt griffbereit. Das Flutlicht vorne und hinten könnte ich jederzeit einschalten, der Türalarm ist sowieso schon aktiviert.

Ich liege still und höre jedes Geräusch. Die Stimmen kommen näher, dann wieder weg. Sekunden fühlen sich an wie Minuten. Und irgendwann denke ich: Das Warten macht mich verrückt.

Also gehe ich in die Offensive. Ich öffne die Tür – langsam, so ruhig wie möglich. Ein kurzer Moment. Alle schauen. Dann ein Gruss. Ich sage nichts weiter, sie grüssen zurück. Ein seltsames, wortloses Abtasten.

Und dann, genauso plötzlich wie sie gekommen sind, ziehen sie wieder ab. Glücklich, lärmend, als wäre nichts gewesen. Zurück bleibt nur die Stille – und mein Herz, das erst nach Minuten wieder normal schlägt.

Ich fahre weiter Richtung Blumenau. Das ist eine ordentliche Distanz. Die Strasse führt durch hügelige Landschaft, manchmal sogar über 1000 Meter hoch. Die Temperaturen sind dort oben angenehm, zwischen 25 und 29 Grad.

Der Urwald ist hier allerdings meist verschwunden. Ab und zu sieht man kleine Reste, doch oft ist die rote Erde offen und gerodet. Viel Land wird bewirtschaftet, überall wird gebaut. Man nimmt sich Platz – man hat ihn ja. Leider eben auf Kosten des Urwalds. Schade.

 

Dienstag, 10. Februar 2026

Blumenau ist eine deutsche Kolonie. Ich hatte gehofft, hier vielleicht echte historische Gebäude zu finden, Spuren der Vergangenheit, etwas Authentisches. Doch vieles wirkt auf den ersten Blick eher wie eine Kulisse.

Die Fachwerkbauten sehen zwar deutsch aus, aber die Balken sind oft nur aufgeklebt, mehr Dekoration als Konstruktion. Es hat etwas von Heimatmuseum unter freiem Himmel – hübsch gemacht, aber nicht ganz echt. Dafür mit jeder Menge Bierlokalen.

Trotzdem ist es interessant zu sehen, wie stark die deutsche Einwanderung hier im Süden Brasiliens noch präsent ist, zumindest im Namen, im Stil und in gewissen Traditionen.

 

Mittwoch, 11. Februar 2026

Es geht weiter Richtung Süden. Die Strassen sind teilweise ziemlich übel zu fahren, und ich muss mich enorm konzentrieren. Und die Hitze… meine zwei Thermosflaschen mit kaltem Wasser bewähren sich. Massivster Verkehr, viele Lastwagen, und mit dem lahmen Kamel kann ich kaum überholen. So komme ich nur auf eine eher niedrige Durchschnittsgeschwindigkeit, obwohl die Strecke auf der Karte gar nicht so dramatisch aussieht.

Ich besuche die Insel bei Florianópolis. Hier geht es touristisch ab, bis zum Abwinken: Strände, Hotels, Ferienwohnungen, überall Menschen und Verkehr. Nach den stillen Gegenden der letzten Wochen ist das fast ein Kulturschock.

Immerhin finde ich einen netten Campingplatz. Kaum bin ich angekommen, nehmen mich zwei VW Bus-T1-Teams in Beschlag. Natürlich sofort mit neugierigen Blicken aufs Kamel, ein paar Sprüchen, viel Begeisterung – und schon ist man wieder mitten in Gesprächen, und tauscht Kleber aus.

 

Donnerstag, 12. Februar 2026

Schräge Träume wecken mich schon früh. Kaum richtig wach, folgt auch ein Signal-Telefonat aus Wichtrach. Jie braucht Unterstützung, weil ein Fake-Anruf versucht, ihr weiszumachen, ich hätte irgendwo Wein bestellt. 

Später wage ich mich bis zum Bauchnabel ins Meer. Das Wasser ist warm, aber die Strömungen sind deutlich spürbar. Ich habe keine Lust, den Atlantik gleich selber zu überqueren. Und ehrlich gesagt auch keine grosse Motivation, als Zwischenverpflegung für einen Hai zu enden.

So bleibt es bei einem respektvollen Bad am Rand – und dann folgt eine sechsstündige Weiterreise Richtung Süden, ungefähr 300km schaffe ich.

 

Freitag, 13. Februar 2026

Heute ist Freitag, der 13. Da fragt man sich unweigerlich: Was macht man an so einem Tag wohl am besten? Vielleicht genau das, was man sonst viel zu selten tut: nichts.

Denn im Nichtstun liegt bekanntlich der Sinn. Daoistisch gesagt: Wu Wei – handeln durch Nicht-Handeln. Nicht gegen den Tag ankämpfen, nicht alles kontrollieren wollen, sondern einfach mitfliessen. Wenn der Freitag, der 13., schon seine eigene Energie hat, dann gebe ich ihm heute keine Angriffsfläche. 

Ich bleibe auf dem wunderbaren, persönlichen Camping «Campix» bei Torres. Ein kleiner, stiller Ort, fast wie eine Pause zwischen zwei Kapiteln. Und ich bin ganz allein hier. Der einzige Camper. Die ganze Infrastruktur gehört mir: Dusche, Küche, Platz, und Ruhe.

So sitze ich da, schaue ins Grün, höre den Wind, lausche dem Meer und merke: Man muss nicht immer unterwegs sein, um auf Reisen zu sein.

Und vielleicht ist genau das das Glück des Freitag, des 13.: einfach da sein. (Hmmm… und Berichte schreiben).

 

Samstag, 14. Februar 2026

Ich treffe im städtischen Gebiet von Porto Alegre ein. Nach den vielen Kilometern durch eher ländliche Gegenden wirkt die Grossstadt fast wie ein eigener Kosmos. Ich habe ein Airbnb gemietet – recht günstig und überraschend komfortabel. Für einmal kein Camping, kein improvisierter Parkplatz, sondern eine richtige Wohnungstür mit hypermoderner elektronischer Absicherung. Bis ich alter Mann mit dem Einlesen der Gesichterkennung und all den Cods zurechtkam… In Brasilien fällt mir erneut auf, wie viel farbiger und durchmischter die Bevölkerung ist als beispielsweise in Argentinien. Das hat historische Gründe.In der spanischen Kolonialzeit existierten sogenannte castas, also koloniale Rassenhierarchien. Menschen wurden je nach Herkunft – europäisch, indigene, afrikanisch oder gemischt – in soziale Kategorien eingeteilt. Diese Einordnung hatte konkrete rechtliche und gesellschaftliche Folgen.

Mit gracias al sacar bezeichnete man im spanischen Kolonialreich eine Praxis, bei der wohlhabende Personen gegen Zahlung eine offizielle „Aufwertung“ ihres Status erlangen konnten. Rassenzuschreibungen waren also nicht nur biologisch gedacht, sondern auch sozial und politisch verhandelbar. Die Pragmática Sanción wiederum war eine königliche Verordnung, die Ehen zwischen gesellschaftlich „ungleichen“ Partnern einschränkte. Familien konnten Einspruch erheben, wenn sie den sozialen Status gefährdet sahen. Auch das diente indirekt der Kontrolle von Herkunft und „Reinheit“. Hinzu kam über Generationen ein gesellschaftlicher Druck zur sogenannten „Aufhellung“ – also die Vorstellung, dass Heirat mit europäischstämmigen Partnern den sozialen Status verbessere.

In Argentinien setzte im 19. Jahrhundert zusätzlich eine bewusste staatliche Nationbuilding-Politik ein, die auf „Whitening“ abzielte. Durch gezielte europäische Einwanderung – vor allem aus Italien, Spanien, Deutschland und der Schweiz – sollte die Bevölkerung europäischer, also „weisser“, werden. Schon früh traf man dort Gesetze und politische Massnahmen, die genau diese demografische Entwicklung förderten.

Brasilien ging historisch einen anderen Weg: Trotz ebenfalls hierarchischer Strukturen blieb die gesellschaftliche Durchmischung viel sichtbarer. Und das spürt man heute noch im Stadtbild.

Ein erster Abend in Porto Alegre – und gleich wieder Stoff zum Nachdenken.

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Abends, schon um sieben, sind fast nur noch seltsame Gestalten auf der Strasse – und ich. Menschen, die Mülleimer durchsuchen oder ihre Einkaufswägelchen mit ihrem ganzen Hab und Gut vor sich herschieben. Der Kontrast zur Wohnung, in die ich später zurückkehre, könnte grösser kaum sein. Ich habe nicht gross Hunger. Die Portion im Restaurant ist viel zu üppig, ich lasse ganze Teile unberührt und bitte darum, alles einpacken zu lassen. Auf der Strasse treffe ich mehrere Arme, die dankbar sind für solche Gaben. Es fühlt sich im ersten Moment eigenartig an – fast wie ein symbolischer Akt, vielleicht auch etwas hilflos. Und doch denke ich: Wenn ich so jemandem ersparen kann, heute Abend einen Mülleimer zu durchsuchen, dann ist es zumindest ein kleiner, konkreter Schritt.

Hier in Porto Alegre sind die Spuren der grossen Überschwemmungen noch immer sichtbar. Ganze Quartiere standen unter Wasser, es gab zahlreiche Opfer, viele Familien verloren Haus, Hab und Gut. Ich habe eine Familie kennengelernt, die buchstäblich vor dem Nichts stand. Das Wasser kam schnell, erzählten sie, zuerst in die Strasse, dann ins Haus, bis kaum mehr Zeit blieb, etwas zu retten. Möbel, Fotos, Erinnerungen – alles weg. Und die Entschädigungen vom Staat hätten sie nie erhalten – die seien geklaut worden. Man versteht in solchen Momenten, wie dünn die Linie zwischen gesichertem Alltag und vollständigem Verlust sein kann. Die Menschen hier tragen das mit einer erstaunlichen Würde, aber die Unsicherheit bleibt spürbar.

Die Stadt zeigt sich von einer rauen Seite. Zwischen normalem Grossstadtleben, Naturgewalt und Armut liegen hier nur wenige Meter. Und man kann nicht so tun, als würde man es nicht sehen.

 

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