Berichte 16.12. – 31.12.2025

Dienstag, 16.12.2025
Un refugio en Tierra del Fuego

Das ist schon ein erhabener Moment: Auf die Fähre fahren, im Wissen, das südamerikanische Festland zu verlassen, und dann auf der anderen Seite endlich die Traumdestination Feuerland – Tierra del Fuego – zu erreichen. Nach einer für lokale Verhältnisse absolut ruhigen Passage (gestern waren die Passagen wegen Sturm storniert) erreicht das Schiff den kleinen Hafen Porvenir. Im Ort erinnert mahnend ein Park an die ausgerottete indigene Bevölkerung, die Sel’nam. Die Fahrt entlang der baumlosen, topfebenen und windgepeitschten nördlichen Küste dauert, wir passieren wiederum riesige kolonialzeitliche Estancias, meistens Schafhaltung. Die Baustellen-WCs der Strassenarbeiter sind gut gegen den Wind gesichert, grössere Gruppen von Guanacos überqueren immer wieder die Piste. Zum Glück gelingt ihnen der Sprung über die Zäune. Die Hauptinsel von Feuerland ist grösser als die Schweiz, unsere heutige Strecke führt entlang der Bahía Inútil – unnütze Bucht. So benannt von Seefahrern, welche hier auf Grund liefen und wegen der immer Richtung Festland blasenden Winde nicht mehr wegkamen. Wir wollen unserem Etappenziel möglichst nahe kommen (Naturpark der Königspinguine – Pingüino Rey), aber oberste Sorge und Priorität hat die Suche nach einer windgeschützten Übernachtungsmöglichkeit. In einem Refugio, ähnlich unseren Nothütten in den Bergen, finden wir Platz zum Kochen, Essen und ich eine Pritsche für Schlafsack und Mätteli. Heinz übernachtet im Kamel, ohne das Hochdach auszufahren. Wir sind nicht alleine, bis zu vier Camperfahrzeuge drängen sich um den kleinen, von starken Winden bedrängten Rastplatz. Mitten in der Nacht rettet sich ein holländisches Pärchen ins enge Refugio, das Dachzelt ihres Campers mussten sie notfallmässig zusammenklappen. Gleich nebenan liegt ein grosser Granitfindling. Dieser bot nach archäologischen Erkenntnissen vor über 9’000 Jahren ersten Siedlern auf Feuerland Schutz vor der Witterung und wurde als Rastplatz benutzt. Ein Gefühl der Schicksalsgemeinschaft über Jahrtausende, so empfinde ich es.

 

Mittwoch, 17.12.2025
Pingüino Rey

Die zusammengewürfelte Gruppe schutzsuchender Reisender teilt sich den Tisch im Refugio zum Frühstück. Alle haben das gemeinsame Ziel: die Reserva Natural Pingüino Rey. Es ist die einzige Kolonie von Königspinguinen, welche in Südamerika so nahe am Festland lebt. Um sie zu schützen, werden Besucher nur auf Voranmeldung und in kleinen Gruppen jeweils für eine Stunde, begleitet von einer Rangerin, auf markierten Wegen in ihre Nähe gelassen. Die ganze Reserva ist eine private Einrichtung und wird vorbildlich im Sinne des Tierschutzes geführt. Das Beobachten dieser fast einen Meter grossen Tiere hat etwas Majestätisches. Wir haben Glück, es hat noch einige Jungtiere in der Kolonie, viele sind schon auf Wanderschaft. Die Weiterfahrt geht weg von der Küste ins Landesinnere. Strassenbau, Viehhaltung und neuerdings auch Forstwirtschaft prägen die hügelige Landschaft. Grandios dreht ein Kondor seine Runden über uns. Gegen Abend finden wir dann in einem Örtchen wieder ein sogenanntes Refugio, diesmal ein grösseres. Es wird von der Gemeinde gegen Entgelt zur Verfügung gestellt und ist Tinyhouse-mässig schlicht eingerichtet. Ein wunderbarer Sonnenuntergang und das wärmende Feuer schliessen diesen Tag ab.

 

Donnerstag, 18.12.2025 und Freitag, 19.12.2025
Natura silvestre

Wenn ich das Datum schreibe (19.12.), denke ich: Verrückt, bald ist Weihnachten, und hier draussen in der unendlichen Natur Feuerlands merke ich eigentlich gar nichts davon. Es erscheint so surreal weit weg, trotz Kontakten, Videoanrufen mit Familie und Freunden zuhause in der Schweiz.
Die Fahrt aus der Ebene von Pampa Guanaco – Municipalidad Timaukel – führt in unberührte Natur. Auf einer Nebenstrasse (Schlagloch-Schotterpiste) fahren wir ins feuerländische Gebirge – Cordillera Darwin – zum Lago Fagnano und einem Meeresfjord im Niemandsland zwischen Chile und Argentinien. Hier enden alle Strassen. In zehn Jahren soll eine der Pisten bis an den Beagle-Kanal führen, Ushuaia wäre dann mit Fähranbindung aus Chile auf kürzerem Weg zu erreichen als heute. Wir sind weit im Süden, trotz der relativ geringen Höhe der Berge und Pässe (aber praktisch ab 0 m ü. M.) ist es sehr steil, kalt und es schneit. Grosse Gebiete sind unter Schutz gestellt. Forst- und Landwirtschaft bedrängen auch hier die letzten zusammenhängenden Urlandschaften.
Ausgedehnte Lengabaum-Wälder (Südbuche), farbige und durchnässte Moorböden, viele Guanaco-Herden, ausgedehnte Kleinseenlandschaften – von Biberdämmen gestaltet – sowie Gebirgsformationen und Kieselsteinstrände sind nur einige Merkmale dieser wunderschönen Landschaft. Kondore in grosser Anzahl fressen herumliegendes Aas. Wir übernachten an einem Fluss in nächster Nähe zu den Biberteichen. Bei einer ausgedehnten Wanderung entlang der Küste des Meeresfjords sehen wir einen einzelnen Königspinguin. Man könnte fast in «Mitleid verfallen, so alleine und einsam steht» er hier am Strand. Sporadisch kommen Seeelefanten hierher, aber wir sehen keine. Bleibende Erinnerungen und Bilder prägen sich ein.

 

Samstag, 20.12.2025
En ruta por Ushuaia – el Atlántico

Die letzte Nacht haben wir im Windschatten eines noch nicht fertig gebauten Bushäuschens verbracht. Wir haben uns getraut, drinnen zu kochen und zu essen. Wir sind sicher, dass dies ganz im Sinne dieses grosszügigen Häuschens ist, so weit draussen in der Pampa. Das örtliche Refugio ist über das Wochenende geschlossen, weil ab Freitagnachmittag die Dorfverwaltung geschlossen ist. Arme Velofernfahrende, welche Schutz suchen! Wir haben unser Kamel und werden jedem Velofahrer, dem wir begegnen, das Bushäuschen empfehlen! Die grosse Insel Feuerlands ist entlang des 54°-Längengrades wie mit dem Lineal geteilt, die Grenze zwischen Chile und Argentinien. Wir überqueren den Paso Internacional «Bella Vista» auf 111 m ü. M.
Vorher unser eingespieltes Ritual: Aufessen aller frischen, offenen Lebensmittel! Nach den Spiegeleiern zum Frühstück gibt’s vor der Grenze noch hart gekochte Eier. An den beiden Grenzposten herrscht entspannte, höfliche Atmosphäre. Wir sind beinahe die einzigen Reisenden im grossen Nirgendwo. Die vielen Grenzwechsel zwischen Chile und Argentinien machen ganz konfus: in welche Richtung gehen wir, welcher Pesoschein, welcher Wechselkurs …? Nach langer, monotoner Fahrt sind wir plötzlich an der Küste: Der offene Atlantik brandet uns entgegen, ein wahrhaftiger Filmschnitt. In der Küstenstadt Río Grande decken wir uns wieder mit frischen Lebensmitteln ein. Wir verirren uns in einem Maxi-Giga-Supermercado. Bald dreht die Strasse jedoch wieder landeinwärts ab, Richtung schneebedeckter Cordillera. Noch sind es über 200 km bis nach Ushuaia. In Tolhuin unterbrechen wir die Fahrt.

 

Sonntag, 21.12.2025
Domingo al Lago

Heute ist Sonntag, 21.12.2025. Hier auf der südlichen Hemisphäre ist der längste Tag. Bei euch, liebe Mitreisende im Norden, ist es der kürzeste Tag, also die längste Nacht!
Nach dem Frühstück besuchen wir im kleinen Dorf eine empfohlene Bäckerei und treffen wohl die ganze Dorfbevölkerung an. Ein moderner Bau mit einsehbarer Backstube und umfangreichem Angebot lockt die ganze Umgebung zum Sonntagscafé. Wir sind am oberen Ende des riesigen, über 100 km langen Lago Fagnano. Vor drei Tagen waren wir noch am unteren Ende, auf chilenischem Gebiet. Eine Wanderung durch ein Naturschutzgebiet und entlang der Küste hat fast sommerlichen Charakter: Es hat wenig Wind, und in windstillen Ecken wird es gar schweisstreibend warm – auch wegen der warmen Winterkleidung. Drei Schichten an Jacken verschwinden im Rucksack … bis zur nächsten, windexponierten Landzunge … der sommerliche Übermut hält nicht lange an. Heinz verbringt den halben Nachmittag auf dem zufällig entdeckten Rodeoplatz. Die jugendlichen (Nachwuchs-)Gauchos messen sich beim Zureiten von Pferden. Auf unserem Campingplatz wird es wieder ruhiger. Letzte Nacht war es sehr belebt, Familien mit vielen Kindern haben bis früh in den Morgen im grossen, geheizten Saal gegrillt und das Wochenende gefeiert.

 

Montag, 22.12.2025
El último paso hacia el sur

Bei sommerlichen Temperaturen stehen wir auf, nur um eine Stunde später in Daunenjacken gehüllt im Gemeinschaftsraum Zuflucht zu suchen. Eine eiskalte Regenfront zieht durch, ein streunender Hund sucht Schutz unter dem roten Kamel. Wir verlassen den Campingplatz, welcher wie überall in Argentinien pro Standplatz einen eigenen gemauerten Grill hat. Ein Blick in die Gemeinschaftsräume zeigt klar: Argentinische Campingplätze sind Asado-Oasen, sprich Grill-Oasen! Heute gilt es, den letzten Pass in Richtung Süden zu meistern, mit 451 m ü. M. «nur» ein Zehntel vom Paso Abra el Acay mit 4895 m ü. M. im Norden Argentiniens! Geografische Extreme. Bevor wir den Beagle-Kanal und damit Ushuaia erreichen, durchfahren wir eine eindrückliche Bergwelt, welche mit Wintersport-Einrichtungen ausgestattet ist. Dann öffnet sich die Landschaft weit zum Beagle-Kanal hin, eine weitere Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Ushuaia ist ein extrem grosser Flickenteppich, welcher mit seinen Wellblechgebäuden weit ins Umland hinein streut. Für die Weihnachtstage haben wir ein Appartement gemietet. Im Hafen liegen die Kreuzfahrtschiffe am Pier. Die erste Erkundungstour beenden wir mit einem kleinen Festmahl: Wir sind seit zwei Monaten unterwegs und haben den südlichsten Strassenpunkt der Reise erreicht!
Ein grosser Dank und ein Hoch auf das rote Kamel und Heinz, den erfahrenen Overlander!

 

Dienstag, 23.12.2025
¿Ushuaia, qué significa?

Das Wort «Ushuaia» kommt aus der Sprache der Ureinwohner Yámana und bedeutet «Bucht, die nach Osten blickt» (Wikipedia). Heute ist es ein bedeutender Hafen und für hiesige Verhältnisse eine grosse, wuchernde Stadt.
Die südlichste Stadt der Welt – es bleibt nur der Name!
Über die Yámana, die indigenen Menschen von hier, kann ich nur noch im Museum oder aus Büchern und im Internet etwas erfahren. Es gibt sie nicht mehr, niemand mit indigenen Zügen im Stadtbild, erst seit knapp 100 Jahren verschwunden, vernichtet …!
Weniger als 100 Kilometer gegenüber am Beagle-Kanal liegt auf chilenischem Territorium der Ort Puerto Williams, die südlichste Siedlung, das südlichste Dorf der Welt. Hier gäbe es das moderne Museum und Informationszentrum zu Natur und Kultur Feuerlands «Museo Yagán Usi», ehemals «Museo Antropológico Martín Gusinde», zu besuchen.

Pater Martin Gusinde hatte die indigenen Völker, Menschen kurz vor ihrer Auslöschung und ihrem Verschwinden besucht und vieles über sie dokumentiert. Seinen ethnologischen Arbeiten und eindrücklichen Fotodokumentationen verdanken wir den grössten Teil des überlieferten Wissens über die indigenen Kulturen Feuerlands, ebenso die korrigierte und respektvolle Würdigung dieser Menschen sowie deren Lebensweisen. Selbst Darwin verbreitete eine verächtliche, herabwürdigende und falsche Darstellung dieser Kulturen.
Leider und unverständlicherweise gibt es zwischen den beiden Häfen keine direkten öffentlichen Fährverbindungen. Ein Tagesausflug von Ushuaia aus ist unmöglich, resp. müsste individuell organisiert werden, und somit lässt sich das Museum nicht besuchen.

 

Mittwoch, 24.12.2025
¡Feliz Navidad con nieve y animales marinos!

Wir wünschen euch von Herzen frohe und gesunde Weihnachten!
Pünktlich zu Weihnachten hat es diese Nacht geschneit. Wegen der rauen See fahren heute nur die grossen Ausflugsboote in den Beagle-Kanal hinaus. Wir haben die Winter- und Regenkleider angezogen und geniessen die stürmische Fahrt durch die verschneite Berg- und Meereslandschaft. Auf der rauen Rückfahrt erwischt uns eine hochspritzende Bugwelle, und wir bekommen unsere «Südsee»-Salzwassertaufe, die Kameras leider auch. Wir sind die einzigen schwergewichtig ausgerüsteten Fotografen, die anderen Passagiere knipsen Selfies mit ihren Handys in allen (un-)möglichen Posen vor den mit Tieren besetzten Felsen. Seelöwen, Riesensturmvögel, Kormorane, Möwen, etc., ein unglaublicher Reichtum an maritimen Bewohnern zeigt sich trotz stürmischer See. Vor dem «Nachhausegehen» nicht vergessen, frisches Brot für unser Weihnachtsessen einzukaufen, denn auch in Argentinien schliessen die Geschäfte vor dem eigentlichen Weihnachtstag – dem 25.12. – früher.
Dann ist Videotelefonie angesagt! Kontakt mit unseren Familien, welche sich in warmen Stuben und Küchen in der nördlichen, dunklen Jahreszeit zu Heiligabend treffen.
Wir schmücken ebenfalls unsere temporäre, ebenso warme Stube festlich und setzen uns an die festliche Tafel. Wir geniessen unser südliches, hochsommerliches Schweizer-Fondue in Begleitung von exzellentem argentinischem Weisswein – perfekte Fusionsküche!

 

Donnerstag, 25.12.2025

Navidad y día festivo

Heute ist ein klassischer, regnerischer Winter- … pardon Sommertag, resp. Weihnachtstag. Ausschlafen, gemütlich frühstücken, in der Wohnung rumwerkeln, Videotelefonate und endlich am Computer (stundenlang) die Berichte und Bilder bearbeiten, eBanking und sonstige administrativen Arbeiten erledigen. Museen, viele Kaffeehäuser, Läden …. sind eh alle geschlossen! 

Dann ist Zeit für einen sündhaft feinen Zvieri aus der Bäckerei „Tante Sara“: 

French Toast. 

NAVIDEÑA. LA MEJOR COMBINACIÓN DE COSAS RICAS PARA ESTAS FIESTAS:

PAN DULCE TRADICIONAL, DURAZNOS ASADOS, CREMA ITALIANA Y LA MAGIA DE TANTE SARA. 

Weiter geht’s mit den Computerarbeiten. Jeder von uns Zweien klemmt sich wieder hinter seinen Bildschirm. Erlösung gibt es später, beim Abendessen. Genuss pur mit dem hausgemachten Festtagsmenü, dazu unseren Favoriten unter den argentinischen Rotweinen. Diese Flasche ist seit Mendoza zur Sicherheit, dass wir ihn für Weihnachten dabeihaben, im Notvorratschrank gebunkert! Es hellt auf, ein kleiner Bummel vor die Türe rundet den Sonntag ab, schliesslich ist es lange hell. Die Strassen sind fast Auto frei, wenig Verkehr für eine Stadt mit über 82’000 Einwohnern. Nur die Hauptstrasse ist belebt mit Schaufenster-Shoppern, Touristen und Autoflaneuren. Die geöffneten Restaurants sind gut besucht. Ein wunderbares Abendlicht verzaubert den Hafen und Horizont. Das Meer ist spiegelglatt, kein Windhauch weht. Das chilenische Ufer liegt zum Greifen nahe, gegenüber am Beagle-Kanal.

Morgen geht’s wieder ans Arbeiten, fertig sind für uns die Frei- und Feiertage. Es gilt den Weg Richtung Norden einzuschlagen, endlich dem argentinischen Sommer entgegen.

 

Freitag , 26.12.2025

Hacia el norte – jardín de esculturas

Beim Blick aus dem Fenster unseres Appartementes trifft mich der Schlag! Gestern Abend war im Hafen doch diese feine, entspannte Stimmung. Heute Morgen versperrt ein riesiger Klotz die Sicht auf das Meer. Ein Kreuzfahrtschiff, grösser als die drei kleineren von Vorgestern zusammen, liegt am Hauptpier. Wir „flüchten“ aus der Stadt und legen ab, das Kamel springt ohne zu Knurren sofort an. Bei Starkwind und Regen geht’s Richtung Norden. Ein Motorradfahrer mit Freiburger Nummernschild überholt uns hupend. Trotz Nässe, Kälte und Gegenwind winken uns entgegenkommende Velofahrer zu, vermutlich auch Schweizer. Unser rotes Kamel ist nicht zu übersehen. Unterwegs machen wir Kaffeepause in der – uns in Erinnerung gebliebenen –

bekanntesten Bäckerei der Umgebung. Wen wundert es, dass bei dem Hudelwetter die Wärme- und Schlemmeroase gut besetzt ist. An der windigen Ostküste Feuerlands finden wir einen kleinen Campingplatz. Der Tannenbaum ist genial. Hinter dem Grillhäuschen findet Heinz und das Kamel einen einigermassen windgeschützten Platz. Zum Ausfahren des Hochstelldaches ist es jedoch zu stürmisch. Ich richte mein Nachtlager im Grillhäuschen ein. Den Nachmittag verbringen wir an der Küste. Bizarre steinerne Erosionsformen erinnern an Skulpturen in einer Kunstausstellung. Zuerst dachten wir, es seien Walknochen oder Seelöwen. Die Suche nach windgeschützten Plätzen wird uns in den kommenden Tagen auf der Fahrt entlang der Ostküste sicherlich sehr in Anspruch nehmen.

 

Samstag, 27.12.

Alerta meteorológico vigente de viento

(Mobiltelefonie und Internet sind hier nun sehr spärlich).

Was wir bisher an Starkwind erlebt haben, ist gegenüber den heutigen orkanartigen Bedingungen ein laues Lüftchen gewesen!

Wir verlassen früh unser Wäldchen, heute gilt es ganz Feuerland zu durchqueren und im Norden die Fähre auf das Festland zu erwischen. Die Fahrt zieht sich hin, wiederum immense, baumlose Weite, von Schafen und Guanacos beweidet. Dann kommt mittendrin die Grenze, Gärtner bepflanzen den Mittelstreifen am Zollgebäude, ein anderer mäht das spärlich Gras. Der Wind wird immer stärker, das Fahren erfordert grosse Aufmerksamkeit, Böen zerren am roten Kamel. Die Fährverbindung zum Festland ist eine schwimmende Strasse … roll-on … roll-off … im Pendelbetrieb. Die See auf der Magellanstrasse ist rau und kabelig. Etlichen Passagieren wird schlecht, Salzwassergischt sprüht über das Fahrzeugdeck, unser Kamel ist überzogen mit Salzablagerungen. Beim Verlassen der Fähre steuern wir gegen orkanartigen Gegenwind. Eine SMS Mitteilung auf der App trifft ein: Einstellung des Fährbetriebs. Scheinbar haben wir gerade noch die letzte Verbindung erwischt. Wegen den extremen Windverhältnissen verzichten wir auf die Fahrt zu einer abgelegenen archäologischen Stätte. Beim erneuten Grenzübertitt – die Grenze zwischen Chile und Argentinien ist hier unten ein steter Wechsel – informiert uns sogar der Grenzbeamte über gesperrte Strassen aufgrund der Starkwinde. Während einem kurzen Abstecher zu einer Vulkanlagune wird uns klar: So extreme Winde hat von uns beiden – trotz jahrzehntelanger Reiseerfahrung – noch keiner erlebt. Die Schilderungen in Reiseberichten sind also tatsächlich keine Schauermärchen. Am Rio Gallegos unweit der gleichnamigen Stadt finden wir spät am Abend auf dem Picknick Platz eines Angler-Clubs doch noch ein windgeschütztes Nachtlager. Unter dem Schutzdach steht zu unserer Überraschung ein 50 jähriger Renault R4, das Campingfahrzeug eines einsamen Reisenden aus Buenos Aires. Im geheizten Comedor treffen wir ihn. Heinz und er schwärmen schmunzelnd vom Fahren mit einem R4. Das sympathische Wirtepärchen serviert uns die bisher besten Empanadas unserer Reise.

 

Sonntag und Montag, 28. und 29.12.2025

Pingüino City Monte León

Nach der ruhigen, vom Wind geschützten Nacht geht die morgendliche Fahrt zurück in die Stadt Río Gallego. Das rote Kamel bekommt eine ordentliche Dusche. In der Autowaschanlage (sonntägliche Lieblingsarbeit für Männer, die Casino Fassade ist hingegen Frauenarbeit) reinigt Heinz das Fahrzeug gründlich vom Salzwasser und Schlamm der Fahrten durch Feuerland. Das rote Kamel soll möglichst rostfrei noch viele tausend Kilometer dieser Welt erkunden. Ich kaufe derweilen im gegenüberliegenden Supermercado ein. Sowohl in Chile wie auch hier in Argentinien sind die Warenhäuser genauso randvoll mit einem erschlagenden Angebot gefüllt, wie in unseren Städten. Ein Kampf durch die Regalschluchten. Nach den zweimaligen Grenzübertritten müssen die Vorräte an frischen Lebensmitteln wieder aufgefüllt werden. Die kommenden Tage wollen wir möglichst nahe oder an der Küste verbringen, um die reiche Landes- und Meeresfauna zu geniessen. Nach schnurrgerader, kilometerlanger Asphaltstrasse zweigt eine Schotterpiste ab. Die Küste liegt 20 Kilometer abseits. Auf der Fahrt zum Parque Nacional Monte León sind nun viele Guanaco und Ñandús (Laufvogel, ähnlich dem Strauss) entlang der Strasse anzutreffen. Der Nationalpark ist u. a. bekannt für seine grossen Kolonien an Magellanpinguinen, Seelöwen und verschiedener Kormoranarten. Bis in die 1970er Jahren wurden hier die Seelöwen massiv gejagt und praktisch ausgerottet. Das Land war eine klassische, landwirtschaftliche Estancia. Die Gründung des Parks wurde durch den Kauf und die anschliessende Schenkung der riesigen Landfläche an den Staat durch die Tompkins Conservation Foundation (siehe Beitrag vom 14.11. – vivir con los Vulcans ) ermöglicht.

Am Abend können wir von einer Anhöhe aus noch die Seelöwenkolonie beobachten. Kaum zu glauben, wie agil die grossen Tiere auf den steilen Felsen ihre Ruheplätze finden. Obwohl wir spät im Park abkommen, klappt es doch, die Nacht direkt am Meer beim Rastplatz zu verbringen. Es sind nur 5 Camper Fahrzeuge und ein Töfffahrer, welche diese Übernachtungsmöglichkeit nutzen. Glücklicherweise ist es nur schwach windig. Abseits von aller Hektik, Ruhe pur.

Die Morgenstimmung am Meer ist wunderbar und ein Geschenk. Es herrscht beinahe sommerliches Wetter. Nach dem sonnenverwöhnten Frühstück wandern wir zu der Magellanpinguin – Kolonie. Franz, der Ranger, gibt uns kompetente Informationen. Es sind ca. 40‘000 Brutpaare in der Kolonie. Im Ganzen müssten es mit den Jungtieren über 100‘000 Individuen sein, Pinguin City!

Erst nach dem Ende der landwirtschaftlichen Nutzung kamen die Pinguine von den Inseln an diesen Strand. Zu Beginn waren hier keine Pumas. Der von den Landwirten in dieser Region praktisch ausgerottete Puma hat sich jedoch wieder verbreitet und jagt regelmässig Pinguine, da diese eben nun auf dem Festland leben. Gemäss dem Ranger ist dies für Argentinien eine Besonderheit, jedoch bleibt die Pinguin Population stabil, die Natur regelt sich ein.

 

Dienstag, 30.12.2025

Nido de marineros y piratas

Unser heutiges Tagesziel – Puerto San Juliàn – grüsst mit grossen Lettern am Ortseingang. Der Gemeindecampingplatz bietet mit Baumreihen (die wissen warum) perfekten Windschutz und ist extrem sauber sowie ein gepflegter Park. Ein schönes Etappenziel. Die frühen Seefahrer und nachfolgenden Piraten nutzten entlang dieser Küste Buchten wie die von San Julián als natürliche Häfen und Verstecke. Auf dem Weg hierher passieren wir auf 330 m ü. Meereshöhe einen Aussichtspunkt:

Mirador del Gran Bajo San Julián!

Der Blick geht hinunter in die grösste Depression der südlichen Hemisphäre, auf (minus) – 108 m. unter Meereshöhe!

Seit dem Morgen fühlen wir uns in der Winterkleidung deplatziert, die Temperaturen erreichen an windgeschützten Orten sommerliches Niveau. Die lokale Bevölkerung trägt kurze Kleidung. Wir passieren die beiden Flüsse Río Santa Cruz und Río Chico, welche in den Atlantik münden. Beide Flüsse haben wir vor Wochen in den Anden auf der Fahrt südwärts passiert. Sie durchqueren ganz Argentinien von Osten nach Westen. Im Örtchen Comandante Luis Piedra Buena grüsst uns bei der Durchfahrt Papst Franziskus!

 

Mittwoch, 31.12.2025
Viaje al pasado
 
Heute ist es eine Reise in die Vergangenheit, Jahrmillionen zurück. Verlassene Tankstellen am Wegesrand geben filmreife Sujets. Zum ersten Mal entdeckten wir ein Gürteltier, quasi ein lebendes Fossil. Bei 32° hochsommerlichen Temperaturen biegen wir wortwörtlich in die Wüste ab! Lastwagen aus den Goldminen kommen uns entgegen. Mächtige Wolkengebilde, Sandstürme und dramatische Landschaften begleiten unsere Fahrt in den Parque Nacional Bosques Petrificados de Jaramillo. 150 Millionen Jahre alte, versteinerte Riesenaraukarien mit über 40 m Länge liegen herum, ein ganzer Urwald. Im Hintergrund die Silhouette von Vulkanen. Hier ist Geologie „erfassbar, begreifbar“! Zuerst war hier ein Meeresgrund, dann ein Urwald und heute Wüste. Tektonik, Vulkanismus, Erosion … ständiger Zyklus.
Spät am Abend fahren wir zurück in die Gegenwart, das schräg einfallende Sonnenlicht zeigt die stark verworfene Fahrbahn. Die Lastwagen setzen der Strasse stark zu. Die Landschaft zeigt sich in der Abendsonne von ihrer „goldigen“ Seite.
 
 
Foodtruck y Cena fin de año
 
Nach der Wüstentour von gestern finden wir in einem Dörfchen im Niemandsland einen kommunalen Campingplatz. Zwischen dem Denkmal für die Helden des Falklandkrieges von 1982 (das Malvinas Trauma ist hier überall gegenwärtig und von nationaler Bedeutung) und einer baumbesetzten Windschutzmauer schlagen wir das Nachtlager auf. Die herzliche, aber resolute Platzchefin weist uns genau ein und hat uns aus ihrem Häuschen im Blickfeld, also unter Kontrolle.
Die morgendliche Fahrt führt wieder vom Hochplateau hinunter an die Küste. Kilometerlange Strände säumen die Strasse. Wir halten erfolglos Ausschau nach Tieren. Die völlig baumlose, sehr trockene Landschaft flirrt in der sommerlichen Hitze, das Meer ist rau und wie immer bläst der Wind. Für die Mittagspause parkieren wir brav und augenzwinkernd das rote Kamel an der Küstenpromenade, am Stellplatz für Foodtrucks. Wir wollen ja unser Mittagessen kochen. Die Einheimischen sind in kurzen Kleidern unterwegs, wir in den Windjacken. Gegen Abend erreichen wir endlich unser Silvester- und Neujahrsquartier. Zuerst glauben wir uns in Ägypten, der Hausberg der Hafenstadt Comodoro Rivadavia sieht wie eine Stufenpyramide aus. Wir sind in der Petrolhochburg Argentiniens gelandet, das Stadtbild ist ein wilder Mix aus Historischem und „neo-postmodernem Petrostil.“ So ein Las Vegas – Texas Déjà-vu … . Das Parkieren in der Tiefgarage ist Millimeterarbeit, unser Kamel ist sich die Enge der Grossstadt nicht gewöhnt. Wir nächtigen nach einem ausgiebigen Silvestermahl in einem veritablen Stadthotel. In unserer Anden- und Pampakleidung sind wir unter den Glitter- und Bügelfaltenkleidchen der anderen Dinnergäste ein kleinwenig „underdressed“. Die Stadt ist wie ausgestorben, die Restaurants geschlossen. Nach einer ergebnislosen Suche landen wir wieder im Hotel, eben zum Silvesterdinner (welches wir eigentlich ausschlagen wollten). Zum Glück bekommen wir noch einen Tisch, scheinbar ist das Hotelrestaurant eines der wenigen, welche offen haben.
 
Silvester
 
Für den Sprung in die Zukunft – 2026 – wünschen wir euch, liebe Mitreisende, von Herzen alles Liebe und Gute! Auf ein gesundes, friedliches und erfüllendes Neues Jahr!

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert