16. Juli 2025
Es geht weiter, auch wenn Mendoza schon fast greifbar ist. Eigentlich ereignet sich heute nichts Grosses – aber was soll’s. Erwähnenswert ist sicher: Zum ersten Mal auf unserer Reise regnet es. Kurz nach fünf Uhr morgens öffnet der Himmel für fünf Minuten seine Schleusen.
Ich stehe heute etwas früher auf. Die Beiträge bis zum fünfzehnten sollen endlich ins Netz. Das lokale WiFi hatte gestern zwar Aussetzer, funktioniert aber insgesamt recht gut. Ausserdem bestelle ich auf Ricardo ein neues Display für mein Handy.
Um acht Uhr gehen wir frühstücken. Es ist kalt draussen – wie unter einer kalten Dusche. Die Kleider aus der Wäscherei sind zurück, die Zimmer noch zu bezahlen – in der Apotheke nebenan.
Viertel vor elf fahren wir los. Wir nutzen die Gelegenheit, noch in einem Supermercado einzukaufen. Einige Vorräte in unserer Fresskiste sind bereits wieder aufgebraucht.
Die Fahrt verläuft unspektakulär. Die Strassen sind gut, wir kommen entsprechend voran. Probleme gibt es nur am Mittag. Wo essen wir? Entweder gibt es keine Restaurants oder sie sind geschlossen.
Erst spät fahren wir bei einem italienischen Lokal vor. Der Chef empfängt uns persönlich und bedient uns. Wir essen wunderbar. Ein weiterer Gast, aufmerksam geworden durch das Kamel, stellt sich als Bürgermeister von Rondán bei Rosario vor. Dort leben Nachfahren von Schweizer Auswanderern. Heinz nimmt sich vor, ihn später eventuell zu besuchen.
In Chilecito finden wir einen Campingplatz, der unseren Vorstellungen entspricht – und bleiben.
17. Juli 2025
Das Erwachen im Camping verläuft in Etappen. Im Schlafsack ist es noch gut – sprich: warm. Aber dann kommt das Rausschlüpfen, das Anziehen, das Frühstückmachen, das Frühstücken, der Abwasch – und temperaturmässig geht es dabei nur abwärts. Es ist kalt. Erst um neun Uhr wärmt die Sonne.
Glücklich ist, wer einen Platz an der Sonne hat. Draussen zeigt das Thermometer um ein Grad Celsius.
Wir verlassen Chilecito lange nach zehn Uhr. Die Sonne hat inzwischen Kraft. Wir rasen durch die Ebene, die mit Strauchwüste bedeckt ist. Zwischendurch überqueren wir breite, ausgetrocknete Flussläufe. Ab Sañogasta sind wir in den Bergen, umgeben von roten, zerfurchten Felsen. Vereinzelt gibt es Ebenen wie im Altiplano. In Paganzo finden wir das Restaurant El Diego, wo wir zu Mittag essen. Ich nehme Ricottaravioli – ausgezeichnet.
Die erodierten Felsen haben mitunter abenteuerliche Formen. Wegen ihnen – und wegen der Tierwelt – ist hier ein Nationalpark. Der Eintritt ist allerdings teuer, und man muss zusätzlich eine ebenso kostspielige Tour buchen. Mit dem eigenen Fahrzeug darf man nicht herumfahren. Wir verzichten. Auch der Wirt von El Diego meint, der Eintritt sei überrissen. Stattdessen zeichnet er uns ein Plänchen mit einer alternativen Route – ebenso schön, aber gratis.
Das kulinarische Angebot in Argentiniens Restaurants ist stark vom Standort und vom Besitzer abhängig. In den Städten stehen vegetarische Gerichte oft schon auf der Speisekarte. Auf dem Land ist das schwieriger. Manche können sich ein Menü ohne Fleisch kaum vorstellen. Umso schöner, dass es Gastgeber wie im El Diego gibt, die offen und flexibel sind.
Am Nachmittag folgen wir der empfohlenen Route. Sie führt uns durch ein weiteres Stück Bergwelt – nicht mehr rot, aber ebenso reizvoll. Auch hier bestehen die Berge aus Konglomeratgestein in verschiedensten Farben. Schicht für Schicht erkennt man die Ablagerungen.
Kaum haben wir das Gebirge hinter uns, kann Heinze wieder Gas geben. Unser Ziel ist der Camping Brisa de Huaco, wo wir am Abend als einzige Gäste eintreffen.
18. Juli 2025
Der Aufbruch vom Camping verläuft gemütlich. Wir sind die einzigen Gäste gewesen – bewacht von zwei Hunden, die die ganze Nacht neben dem Kamel gelegen haben. Natürlich in der Hoffnung, dass es beim Frühstück eine Belohnung gibt.
Wir folgen weiterhin den Tipps des Wirts von gestern und fahren zur Área Natural de Ciénega. Schon der Weg dorthin ist spektakulär. Der Ort La Ciénega, am Río Huaco gelegen, war einst bedeutend. Heute sind die meisten Häuser zu Ferien- oder Wochenendhäusern umgebaut. Einzelne Bauten – etwa die alte Schule – zerfallen langsam.
Die Landschaft fasziniert uns. Wir unternehmen eine kleine Wanderung, etwa viereinhalb Kilometer, in eine uns fremde Welt. Nach so vielen Stunden im Auto tut das beiden gut.
Weiter geht es über eine Bergkette in eine neue Ebene. Kaum haben wir eine enge Schlucht durchquert, liegt der Embalse Los Cauquenes vor uns – ein Stausee, ein Vogelparadies, ein Energiespeicher und sicher auch ein beliebtes Ausflugsziel.
In San José de Jáchal kehren wir zum Mittagessen ein. Das Restaurant überrascht angenehm: sehr gutes Essen, und vegetarisch ist hier kein Fremdwort.
Am Nachmittag wird die Fahrt fast zu einem Rennen. Einerseits sind wir spät dran, andererseits liegt eine lange Strecke vor uns. Die nächste vernünftige Übernachtungsmöglichkeit gibt es erst in San Juan. Heinze muss die 145 Kilometer durchziehen.
Der Camping Granja Tía Nora in San Juan erweist sich dann als Volltreffer. Es gibt alles, was wir brauchen. Was will man mehr?
19. Juli 2025
Heute lassen wir es ruhig angehen. Erst nach dem Mittag verlassen wir das Campinggelände.
Um dreizehn Uhr sitzen wir immer noch beim Mittagessen. Die Speisen sind gut, das Ambiente angenehm, und die Uhrzeit ist uns herzlich egal. So entwickelt sich auch der weitere Verlauf des Tages – ohne Eile, ohne Planstress.
Gegen vierzehn Uhr fahren wir zum Hipermercado Libertad. Wir decken uns mit Vorräten für die nächsten Tage ein, vor allem fürs Frühstück. Danach geht’s weiter zur Tankstelle – es ist schon halb vier, als wir dort ankommen.
Eigentlich wollen wir heute nochmals in die Berge, zu einer Sternwarte – Observatorio El Leoncito. Die Anmeldung über WhatsApp klappt aber nicht. Der Weg wäre lang, die Anfahrt mühselig, und wirklich geeignete Übernachtungsplätze fehlen.
So reift der Entschluss: Wir drehen um und kehren zurück zum vertrauten Camping Granja Tía Nora. Eine weitere Nacht in San Juan – und das ist völlig in Ordnung.
20. Juli 2025
Jetzt liege ich also in Mendoza im Hotel Edian auf dem Bett und knabbere an einem überzuckerten Nüssli-Früchte-Mix. Eigentlich wollten wir doch zur Sternwarte …
Aber schön der Reihe nach!
In der Nacht höre ich Heinze husten und schnarchen – kein gutes Zeichen. Als ich um halb neun aufstehe, bleibt er noch liegen. Später, als er sich doch aus dem Schlafsack quält, sieht er alles andere als gesund aus. Mich dünkt, er ist ordentlich erkältet.
Das Kapitel „in die Berge zur Sternwarte“ ist damit schnell erledigt. Dort oben ist es viel kälter, die Anfahrt anstrengend, und nächtliche Ausflüge wären für uns jetzt kaum das Richtige.
Wir entscheiden uns, nach Mendoza zu fahren.
Es ist Sonntag, die Stadt ist ruhig, viele Geschäfte haben geschlossen. Auf dem Land hat es etwa 14 °C, ein bisschen Verkehr, auch Lastwagen.
Wieder fahren wir auf der Nationalstrasse 40. Die Strecke ist nicht besonders lang, aber für Heinze dennoch ermüdend. Unterwegs machen wir Halt, ich besorge mir etwas zu essen, während Heinz auf dem Fahrersitz eine Pause macht und einnickt.
Gegen vier Uhr erreichen wir Mendoza – eine grosse Stadt.
Beim dritten Versuch finden wir ein Hotel. Doch dann beginnt das Geduldsspiel mit der Hofeinfahrt: Fässchen runter, Gurten lösen, wieder hoch, wieder runter. Immer wieder messen, schauen, korrigieren. Heinze lässt sogar Luft aus den Reifen. Und schliesslich passt das Kamel – wie mit dem Schuhlöffel – gerade eben so unter dem Portal durch in die Einfahrt.
Heinze verschwindet sofort im Bett, seine Frau Jie gibt die Anweisungen für die Chinesische Medizin durch. Ich kümmere mich um das Gepäck. Und dann passiert es: Ich greife zur Nüssli-Mischung Carib – und kriege beinahe einen Zuckerschock.
Jetzt bleibt nur: Daumen drücken für morgen.
21. Juli 2025
Heinze versucht, gesund zu werden – und ich, den Tag zu gestalten.
Zum Frühstück setzen wir uns gemeinsam hin, doch er wirkt weiterhin angeschlagen.
Der Tag entwickelt sich ungeplant, fast zufällig: Am Vormittag bringe ich unsere Wäsche in eine Lavandería, dann gehe ich zum Coiffeur und streife danach etwas durch die Stadt.
Zum Mittagessen bestelle ich bei Anna gegenüber eine vegetarische Lasagne. Sie schmeckt gut, ist aber nicht gerade ein Schnäppchen.
Am Nachmittag mache ich mich zu Fuss auf den Weg in den Parque General San Martín. Ich habe in den letzten Monaten nicht gerade viel zu Fuss gemacht, also kommt mir der Spaziergang gelegen.
Dabei fällt mir auf, wie schadhaft viele Bauten in Mendoza sind. Die Trottoirs sind zwar oft mit Platten belegt, aber es hat grosse Löcher, Absätze, Stolperfallen. Auch viele Häuser zeigen deutliche Schäden. Die Wirtschaft Argentiniens erholt sich offenbar, doch in Mendoza scheint davon noch nicht viel angekommen zu sein.
Trotzdem gefällt mir die Stadt. Die breiten Alleen wirken angenehm, der Verkehr konzentriert sich auf die Hauptachsen, in den Seitenstrassen ist es etwas ruhiger – aber nicht ganz ruhig.
Im Park staune ich über die Grösse. Kein Wunder, dass man hier fast nur mit dem Auto unterwegs ist. Ein grosser Teil ist dem Sport gewidmet: Fussballstadien, mindestens ein halbes Dutzend Tennisclubs reihen sich an der Strasse entlang. Es gibt einen künstlichen See mit einem imposanten Clubhaus für Ruderer. Ich bin beeindruckt – Sport scheint in Mendoza einen hohen Stellenwert zu haben.
Überall stehen Fitnessgeräte, auch ausserhalb des Parks. Und sie werden rege genutzt. Ich sehe Joggerinnen und Jogger aller Altersgruppen, Velofahrerinnen, Leute auf Rollbrettern – ein aktives Volk, diese Mendozinos!
Zuerst besuche ich den Fuente de los Continentes, den „Weltbrunnen“ – aber der zeigt nicht unbedingt ein modernes Weltbild 😠. Dann versuche ich, den See zu umrunden, was wegen der Absperrung beim Ruderclub nicht gelingt.
Schliesslich stehe ich vor dem Museo de Ciencias Naturales. Heute ist Montag – geschlossen. 🫤
Auf dem Rückweg fällt mir auf, dass ein Teil der Stadt über offene Kanalisation verfügt. Das wirkt zunächst seltsam, scheint aber zu funktionieren – das Wasser sieht sauber aus.
Auf der anderen Strassenseite fliesst der Arroyo, ein kleiner Bach. Ich überquere ihn – die Häuser dort sind idyllisch gelegen, meist nur über Brücken erreichbar. Doch viele stehen leer, sind zu verkaufen. Der Bach selber ist leider eine üble Brühe: grauschwarzes Wasser, Müll, alles Mögliche. Da möchte ich wirklich nicht wohnen.
Jetzt habe ich meinen Kaffee ausgetrunken, das Gipfeli ist gegessen – heute Abend muss ich noch die Wäsche holen. Es war ein Tag voller Eindrücke.
22. Juli 2025
Ein grauer Tag erwartet uns. Der Himmel ist vollständig bedeckt, und der Winter in Argentinien zeigt sich plötzlich von seiner ernsteren Seite. Die Temperaturen draussen liegen um die 10 Grad. Ich bin froh, dass der Gasofen in meinem Zimmer in der Nacht läuft – auch wenn mich so ein Gasofen immer mit einem etwas mulmigen Gefühl zurücklässt.
Heinze hustet zwar noch, aber er scheint sich viel besser zu fühlen. Nach dem Frühstück heisst es packen – wir ziehen heute aus dem Hotel Edian aus. Es braucht wieder einige Handgriffe, bis wir mit dem Kamel aus dem Hof draussen sind. Doch dann geht alles schnell: Reifen aufpumpen, Gepäck einladen, verabschieden – und los!
Zuerst geht’s zur Apotheke, dann machen wir uns auf die Suche nach Toyota-Ersatzteilen. Das Kamel braucht einen neuen Ölfilter. Dabei vergeht einige Zeit.
Für die Einlagerung des Kamels braucht Heinze noch ein argentinisches Stromkabel. Da wir gerade in der Nähe eines grossen Carrefour sind, schauen wir dort vorbei. Leider ohne Erfolg – das richtige Kabel finden wir nicht.
Heinze ist sichtlich angeschlagen und kämpft weiter mit seiner Erkältung. Es tut einem fast weh, ihn so zu sehen. Wir beschliessen, etwas zu essen. Nach kurzer Suche landen wir bei einer Art Strassenkaffee, wo man uns eine Pizza zubereitet. Na ja – eher eine Fertigpizza, aber in der Not tut’s auch die.
Nach rund eineinhalb Stunden Fahrt erreichen wir Palmira, einen Vorort von Mendoza. Hier wird das Kamel in den nächsten Wochen warten – auf Heinze und auf die Weiterreise Richtung Patagonien.
Doch bevor es soweit ist, steht noch eine gründliche Putzaktion an.
Für heute heisst es erst einmal: ausruhen, einen Tee trinken – und dann ab ins Bett.
23. Juli 2025
Becherchen, Tellerchen, Löffelchen putzen,
Gäbelchen, Messerchen auch.
Abwaschen steht heute auf dem Programm –
Nach dem Campen geht das so.
Nach Wochen mit Essen und manchmal Abwaschen
ist Zeit, dass es richtig passiert.
Nicht, dass es einen plötzlich noch graust,
weil’s Besteck beim Essen noch schmiert.
(Eduard, der Verseschuster)
Die letzte Runde unserer Reise hat begonnen. Valentin, bei dem Heinze das Kamel während der Schweizerpause einstellen darf, hat uns gestern Abend allein gelassen.
Jetzt sind wir die Hüter eines sehr grossen Hauses – und eines noch grösseren Gartens. Im Garten stehen übrigens eine ganze Reihe anderer Reisemobile, die hier abgestellt sind.
Nach dem Brunch beginnen wir mit dem Aufräumen und Putzen im Kamel. Es ist erstaunlich, was sich in Schränken, Truhen und Kisten alles ansammelt.
Mein Tagesprogramm steht damit fest. Gegen Mittag machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant – ein schwieriges Unterfangen. Entweder gibt es keines, oder es ist geschlossen. Wahrscheinlich müsste man morgens um zehn suchen oder dann erst wieder ab 16 Uhr. Dann öffnen sie wieder.
Irgendwann finden wir doch noch etwas – aber bis wir zurück sind, ist es schon nach drei. Die Strecke, die wir dafür zurücklegen, ist erstaunlich lang. Wieder zurück im Haus von Valentin haben wir fast schon wieder Hunger.
Später gehen wir noch einkaufen. Waschmittel steht auf der Liste.
Mein Tagesziel habe ich erreicht: Küchenutensilien – sauber!
24. Juli 2025
Am Vormittag ist der Himmel kalt, grau und unfreundlich. Ich habe den besseren Part und mache drinnen den Abwasch, während Heinze draussen friert. Nach dem Frühstück packt er das Kamel aus, nimmt alles raus, was nicht fest verschraubt ist.
Zum Mittag isst Heinze einen Teller Teigwaren, ich habe noch Reste von der Pizza von gestern, die auch noch weg müssen.
Am Nachmittag kümmere ich mich um die Wäsche. Gestern habe ich eine Probe gestartet und die Wäschestücke sind bis heute Morgen in der Maschine geblieben. Zum Glück schickt Valentin schnell einen Tipp per Handy: „Auf die Türe drücken und öffnen“ – das funktioniert.
Heinze fährt mit dem Kamel zur Werkstatt und danach zur Autowäsche. Gegen 18 Uhr kommt er mit dem sauberen Kamel zurück.
Bei einem Kaffee besprechen wir den morgigen Tag. Während Heinze am Computer arbeitet, schreibe ich den Bericht, während die Waschmaschine im Hintergrund rattert.
25. Juli 2025
Man staunt, wie viel Platz in einem Auto ist und wie viel geputzt werden muss. Aber es wird langsam weniger.
Heute Morgen wache ich nicht so einfach auf. Um neun Uhr macht Heinze schon Kaffee. Auch heute gibt es wieder einige Kleinigkeiten zum Abwaschen und dazu noch Wäsche in der Maschine.
Die Sonne zeigt sich heute gnädiger und es wird ziemlich warm, sodass die Wäsche gut trocknet. Wir werkeln den ganzen Vormittag und Mittag. Nach ein Uhr fahren wir nach San Martin. Wie immer ist es schwierig, ein offenes Restaurant zu finden. Heute ist zudem ein Feiertag, anscheinend haben viele frei, weshalb die meisten Lokale geschlossen sind oder früh schliessen.
Eine freundliche Frau in einer Konditorei verrät uns, dass das «Café de la Patria» offen hat und dort auch Essen serviert wird. Wir gehen hin und ich esse vorzüglich. Heinze hat es mit der Portionsgrösse seines Fleischstücks zu kämpfen, aber ich glaube, es schmeckt ihm auch gut. Zurück in der Konditorei trinken wir noch einen Kaffee, und ich gönne mir ein Stück Süßes.
Der Nachmittag ist vorbei, und wir fahren zurück nach Palmira zu Valentins Haus.
Danach packe ich meinen Koffer, während Heinze noch eine Laterne putzt.
Nach einem letzten Kaffee nähert sich der Tag dem Ende.
26. Juli 2025
Die Tage werden ruhiger, die Ereignisse seltener. Wir sind schon sehr früh in Mendoza angekommen, doch als Heinze krank wurde, war das kaum anders möglich.
Jetzt, wo das Kamel sauber ist, wieder ins Gelände zu fahren, käme fast einer Sünde gleich. Aber uns geht es hier gut – was will man mehr?
Wir beginnen den Tag wie gewohnt. Draussen herrscht Winter, von der Sonne sehen wir den ganzen Tag nichts. Um neun Uhr trinken wir Kaffee und beobachten, wie der Ort langsam erwacht. Es ist Samstag, aber heute wird wieder gearbeitet. Ich habe nun herausgefunden, warum gestern ein Feiertag war:
«In Mendoza ist der 25. Juli ein gesetzlicher Feiertag zu Ehren von Santiago Apóstol, dem Schutzpatron der Provinz. Die Feierlichkeiten beinhalten religiöse Prozessionen und kulturelle Veranstaltungen. Für die Region ist dieser Tag ein wichtiger Teil der Identität und Tradition. Deshalb ist der 25. Juli in Mendoza ein freier Tag, an dem viele Menschen teilnehmen und ihre Traditionen pflegen.»
Ich putze auch heute Vormittag weiter und erledige Wäsche.
Zum Mittagessen fahren wir erneut nach San Martin. Heinze braucht noch Kühlerflüssigkeit, und das Restaurant von gestern ist auch heute noch eine gute Wahl.
Auf dem Rückweg halten wir im «Django Maas» und erledigen einige Einkäufe.
Der Abend verläuft gemütlich und ruhig, wie immer vergeht die Zeit schnell.
27. Juli 2025
Dass es heute wieder so kalt wird, damit haben wir nicht gerechnet.
Der Tag beginnt mit Sonne, nach dem Frühstück ist es richtig warm, wenn man in der Sonne steht. Trotzdem gibt es noch allerlei zu putzen. Heinze weiss genau, was er noch machen muss.
Ich bin heute etwas fauler. Ich wasche Teppichli, putze den Verschluss vom Wassertank und bereite das Mittag- und Abendessen vor. Daneben faulenze ich, grüble etwas im Handy und lasse die Zeit verstreichen.
Nach dem Mittagessen bedeckt sich der Himmel und es wird wieder kalt. Heinze räumt geputzte Sachen ins Kamel und kommt zwischendurch rein, um sich wieder zu wärmen.
Nach dem Abendessen gehen wir zum Supermarkt „Atomo“ nebenan – leider hat er geschlossen.
Jenseits der Strasse ist ein kleiner Laden offen (abierto), dort können wir für morgen Frühstück einkaufen.
Und ja, es ist immer noch mordsmässig kalt.
28. Juli 2025
Heute steht Mendoza im Vordergrund. Heinze hat einen Termin, um beim Kamel einen Motorenöl- und Getriebeölwechsel machen zu lassen, und ich will noch etwas in der Stadt spazieren gehen. Den Tag beginnen wir wie immer mit Frühstück. Danach dusche ich noch, und gegen Mittag fahren wir in die grosse Stadt.
Mendoza ist wirklich gross. Schon bald nach Palmira tauchen erste Industriebauten auf, danach nehmen die Gebäude immer mehr zu. Das Gebiet zwischen Palmira und Mendoza ist praktisch durchgehend bebaut. Palmira gehört allerdings nicht zu Mendoza, sondern zum Kreis San Martin.
Wir fahren über die Autobahn und sind schnell im Zentrum. Die Garage, wo Heinze den Termin hat, liegt mitten in der Stadt. Das Kamel einfach am Strassenrand zu parken wäre zu riskant, es könnte leicht aufgebrochen werden. Darum stellen wir das Fahrzeug auf einem bewachten Parkplatz ab – davon hat Mendoza viele.
Vor dem Öl-Termin wollen wir noch essen gehen. Neben dem Plaza Independencia finden wir das Restaurant „Bocca – Mendoza – Argentina“. Es gibt gutes, solides Essen. Danach trennen wir uns: Heinze geht zu seiner Garage, ich schlendere zum Plaza Independencia. Dort findet gerade ein Handwerkermarkt statt. Viel Schmuck, Strickwaren, Lederartikel, Bilder und auch viel Plastikspielzeug wird angeboten. Ich mache Fotos und schlendere durch andere Plätze, bis es Zeit ist, zu Heinzes Garage zurückzukehren.
Nach 16 Uhr treffen wir uns in einem Café daneben. Heinze kann noch nicht alles erledigen, was er wollte. Die Fettpresse ist kaputt, darum konnte man nicht schmieren. Morgen steht ein weiterer Termin an.
Anschliessend besuchen wir einen kleinen Laden mit Matetee-Utensilien. In Südamerika gehört Mate fast zum Nationalheiligtum. Dazu braucht es eine kleine Kalebasse, ein Saugrohr, das Kraut und heisses Wasser. Eigentlich wollte ich nichts kaufen, aber schliesslich kaufe ich mir die Utensilien als Erinnerung. Heinze deckt sich ebenfalls ein.
Dann geht es zurück nach Palmira. Valentin erwartet uns schon. Ich schreibe noch meinen Bericht und verziehe mich früh ins Bett.
29. Juli 2025
Wir sind weiterhin in Palmira, und die Tage werden weniger. Übermorgen steige ich schon in ein Flugzeug – ein eigenartiges Gefühl, wenn ich daran denke.
Beim Aufstehen ist der Himmel blau, und beim Frühstück scheint die Sonne. Es wirkt, als wolle das Wetter in Argentinien heute zeigen, dass es auch anders kann. Der ganze Tag hat etwas von Frühling.
Nach dem Frühstück geht Heinze mit dem Kamel zum Schmieren. Ich mache mich auf den Weg zu den Bahngleisen. Das Gelände strahlt Geschichte aus, Verfall, Wirtschaft und öffentliche Institutionen – wichtig und doch etwas morbide.
Die Geschichte der argentinischen Eisenbahn ist lang. Was einst eine grosse staatliche Gesellschaft war, ist heute fast nur noch Güterverkehr, privatisiert in der Zeit der argentinischen Diktatur. Nur in Buenos Aires gibt es noch nennenswerten Personenverkehr per Bahn.
Ich spaziere also zu den Gleisen, mache Fotos und staune, dass dort doch noch einiges läuft. Zuerst überrascht mich, dass das Gelände von einer Polizistin überwacht wird. Sie ist freundlich, zeigt mir die schönste Aussicht auf die Anden, langweilt sich aber wohl.
Mich erstaunt, wie viel Güter transportiert wird. Der morbide Eindruck kommt vor allem durch umgestürzte, aufgebockte und kaputte Eisenbahnwagen, die überall herumstehen.
Am Mittag kehre ich zu Valentins Haus zurück. Ich habe mit Heinze vereinbart, nach San Martin zu fahren, um dort zu Mittag zu essen.
So fahren wir los und landen im Café de la Patria. Ich bestelle einen argentinischen Gemüseteller. Schade, dass sie so viel Öl zum Braten verwendet haben, aber es ist toll, dass es überhaupt so etwas gibt.
Nach etwas Umherlaufen, einem guten Kaffee mit Süssem und ein paar Fotos fahren wir wieder zurück nach Palmira.
Der Rest des Nachmittags vergeht mit Faulenzen, Kamel einräumen und Bericht schreiben. Am Abend gehen wir noch ins „Atomo“ rüber, und so klingt auch dieser Tag aus.
30.07.2025
Ist man einmal in der Luft, vergeht die Zeit schneller.
Es ist 7:30 Uhr, als ich erwache und aufstehe. Das Meiste habe ich schon gestern gepackt, nur noch die wenigen Dinge vom Bett kommen in den Koffer. Frühstück essen wir zusammen. Ich bin froh, dass wir gestern die Abfahrtszeit noch korrigiert haben. Statt schon um 9 Uhr fahren wir erst um 10 Uhr zum Flughafen.
Der Verkehr in Mendoza ist kein Problem. Um 10:30 Uhr stehe ich in der Check-in-Halle. Von GOL, der Fluggesellschaft, die mich nach São Paulo bringt, ist noch kein Schalter besetzt. Ich muss bis 11:15 Uhr warten, dann komme ich als Erster dran. (Gestern hatte online gar nichts funktioniert.)
Danach geht es durch die Sicherheitskontrolle und gleich darauf zur Passkontrolle. Alles wirkt familiär hier am Flughafen Mendoza. Halb eins – von mir aus könnten wir längst starten. Wahnsinn, diese lange Vorlaufzeit.
Irgendwo schreit ein Junge lauthals. Ich denke, er ist vielleicht behindert und kann nicht anders. Später im Flugzeug ist es dann doch ruhiger – zu meiner Erleichterung. Boarding ist kurz nach eins, eine lange Zeit zum Brüllen.
Der Flug quer durch den Kontinent verläuft problemlos. Nur ein Minibeutel Chips ist etwas mager als Verpflegung. Nach der Landung brauche ich erst einmal ein Omelett mit Salat. Dummerweise gebe ich dem Kellner Trinkgeld. Prompt rennt mir ein Angestellter nach, um abzuklären, ob das Geld auch rechtens beim Kellner gelandet ist.
Um Viertel nach zehn steige ich in den Flieger in den ersten August – und damit endet meine Reise quer durch Südamerika. Und auch mein Tagebuch…
31. Juli 2025
Nun sind wir beide auf der Rückreise in die Schweiz. Der Abschied von Argentinien und vom roten Kamel liegt hinter uns, die Gedanken kreisen schon um das, was uns zuhause erwartet. Flughäfen, Sicherheitskontrollen, Boarding – alles läuft routiniert, und doch ist es ein besonderes Gefühl, nach so recht langer Zeit auf dem südamerikanischen Kontinent wieder Richtung Heimat zu fliegen.
Zwischen Umsteigen und Warten bleibt Zeit, die vergangenen Monate innerlich noch einmal durchzugehen: die vielen Orte, die Begegnungen, die langen Fahrten und die kleinen Episoden, die die Reise so lebendig machten.
Zusammen haben wir nach meinem Beinbruch das Kamel in La Paz (Bolivien) wieder abgeholt und den Weg bis nach Mendoza (Argentinien) geschafft. Zusammen standen wir auf dem grössten Salzsee, haben seltene Felsformationen besucht, mussten Flüsse und Wüsten durchqueren, haben jede Menge Tiere gesehen und an abenteuerlichen Orten übernachtet.
Dann kam die Kälte – mit einem Schneesturm, gefrorenem Bart, eingefrorenem Wasser, das wir morgens erst auftauen mussten, bevor die Espressokanne überhaupt zum Einsatz kommen konnte. Die Bedingungen waren oft schwierig. Es hat uns eingeschneit, wir haben gefroren, wir hatten Hunger und manchmal gar zu wenig Wasser.
Und doch – die Landschaften waren von einer fast unwirklichen Schönheit: alles überragende Vulkane, spiegelnde Salzseen, sprudelnde Geysire, bunte Wüsten, höchste Schneeberge. Wir kämpften uns über schlechte Strassen, begegneten aber überall lieben Menschen. Freundlichkeit, Neugierde und Gastfreundschaft haben uns stets begleitet.
Vieles konnten wir völlig entspannt erleben, haben gelacht, Freude gehabt und den engen Raum humorvoll geteilt. Doch es galt auch, psychische wie physische Belastungen auszuhalten.
Ich danke meinem Co-Piloten Edi – auch für sein Vertrauen auf den gefährlichen Strassenabschnitten. Zwar verrieten die weissen Fingerknöchel am Haltegriff und die weit aufgerissenen Augen hin und wieder seine innere Anspannung – aber das Vertrauen war immer da.