Berichte 04.06. – 15.06.2025

4. Juni 2025

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erleben.
Hat das nicht schon Matthias Claudius gesagt? Jedenfalls hätte er recht.

Irgendwas mit Stock und Hut kommt dann in diesem Gedicht oder Spruch auch noch vor – einen Hut habe ich eh immer dabei, und neuerdings auch Wanderstöcke. Also Volltreffer. Und erlebt habe ich eben heute schon jede Menge.

Ich freue mich riesig, dass ich überhaupt wieder reisen kann. Fast drei Monate lang durfte ich mich kaum rühren und musste mein Bein hochlagern. Und heute – kaum zu glauben – fliege ich tatsächlich nach Bolivien.

Direktflüge aus der Schweiz? Nein, nach Bolivien geht das nicht. (Der Flughafen El Alto liegt über 4000m ü M – das sei der Grund, sagt man mir). Mein Ticket führt mich also über Frankfurt und Bogotá nach La Paz. Dass dabei mein Flug dann auch noch in Cusco Halt machen würde, war nicht vorgesehen. 

Der erste Flug verspätet sich wegen eines Gewitters – okay, nichts Ungewöhnliches. In Frankfurt dann der grosse Stillstand: Das Flugzeug will nicht. Genauer gesagt, ein Triebwerk meldet Störungen, und die Verschalung liess sich angeblich nicht mehr richtig zusammensetzen. Ich stelle mir das wie einen IKEA-Schrank vor, bei dem das letzte Brett einfach nicht mehr passt. Resultat: zweieinhalb Stunden Verspätung, dann elf Stunden Flug.

In Bogotá ist der Anschlussflug längst über alle Berge. Gemeinsam mit einer bunt zusammengewürfelten Schar Gestrandeter werde ich ins Hotel HolidayInn verfrachtet. Richtig geniessen lässt sich das Ganze aber nicht – um 5:30 Uhr soll ich schon wieder am Flughafen sein.

 

5. Juni 2025

Der Spass geht weiter: Meine Bordkarte ist nicht mehr gültig. Ich werde umgebucht, aber dann will man mir das neue Ticket nicht ausstellen – ich könne nämlich nicht beweisen, dass ich Bolivien auch wieder mal zu verlassen gedenke.

Zum Glück habe ich Beweise: Mein Auto wartet in La Paz. Mit einer Mischung aus Geduld, Papierkram (Ich habe mir in der Bolivianischen Botschaft ein Empfehlungsschreiben für das Zollamt ausstellen lassen – später mehr dazu) und einem charmanten Lächeln (das ich mir notgedrungen antrainiert habe), gelingt es mir, die Beamten zu überzeugen. 

Ich komme am späteren Nachmittag in meiner zum voraus gebuchten Unterkunft an. In La Paz habe ich mich in der Che-Guevara-Strasse einquartiert. Ein Zimmer mit kleiner Küche, und das Beste: Dazwischen liegt eine grosse Garage, drei Meter hoch. Vom Bett aus kann ich praktisch direkt ins Auto greifen – ein Traum für faule Schrauber und Globetrotter mit wenig Zeit.

Übrigens: Von Tür zu Tür hat die Reise ganze 38 Stunden gedauert.

Diese Nacht fühle ich mich wie die Prinzessin auf der Erbse – bloss ohne Schloss und Personal, aber dafür mit Jetlag und mit zunächst zwei Wolldecken. Denn zuerst friere ich erbärmlich, und meine Füsse bleiben kalt, also richtig kalt. Ich habe mich bei der Gastgeberin gemeldet – nicht jammernd, sondern sachlich frierend. Sie erscheint wenig später mit fünf weiteren fünf Wolldecken. Ich schlafe jetzt unter sechs Schichten. Sollte mir jemand testweise eine Erbse obendrauf werfen, bin ich mir sicher, dass ich sie nicht spüren würde – auch nicht gefroren.

 

6. Juni 2025

Heute früh gehe ich das Kamel abholen – und siehe da, es steht tatsächlich noch da! Etwas staubig, etwas beleidigt, aber grundsätzlich vorhanden. Nur die Zelthülle vom seitlich am Autodach befestigten Zusatzzelt hat einen langen Riss, verursacht von einer besonders hinterhältigen Dachrinne am Parkplatz. Ein heimtückischer Angriff in der letzten Nacht vor der Repatriierung im Februar.

Schnell geht es weiter zum Zollamt am Flughafen. Die temporäre Einfuhrbewilligung ist nämlich seit dem 21. Mai abgelaufen – und der bolivianische Zoll versteht bei sowas keinen Spass. Die Dame am Schalter rechnet mir nüchtern eine Busse von 2’600 Dollar vor. Ich versuche, nicht umzufallen.

Zum Glück habe ich vorgesorgt: Wie erwähnt ein Empfehlungsschreiben vom bolivianischen Konsulat, dazu Arztzeugnisse, Röntgenbilder, Dokumente, alles sauber zusammengestellt. Ein halbes Dossier, das fast als Dissertation durchgehen könnte. Und tatsächlich: Die Mühe hat sich gelohnt.

Ich bekomme eine Verlängerung um zwei Monate – und ein offizielles Dokument, verziert mit Stempeln in der Grösse von Untertassen. Ich bin legal unterwegs! Und das Kamel auch.

 

7. Juni 2025

Ich leide ein bisschen unter Höhenkrankheit – oder besser gesagt: unter Höhenschwäche. Das klingt zwar harmloser, fühlt sich aber trotzdem an, als hätte ich eine Bandage um die Lunge.

Meine Nasenschleimhäute sind staubtrocken, der Kopf brummt leicht, die Träume sind wild wie ein Tarantino-Film, und ich laufe dauernd aufs WC. Zusätzlich schnaufe ich beim Treppensteigen wie ein altes Dampfschiff.

Eine Einheimische hat mir sogar erzählt, dass sie – wenn sie mal zwei Wochen weg von hier war – nur mit chemischer Unterstützung wieder in die Höhen zurückkehren kann.

Ich habe solche Notfallmedizin zwar auch dabei, aber ich komme (noch) ohne aus. Stattdessen halte ich mich an das bewährte Programm: Kaffee am Morgen, Kokablättertee am Nachmittag. Und siehe da – das hilft schon recht gut. Noch ein, zwei Tage, und dann werde ich mich angepasst haben.

 

8. Juni 2025

Heute hole ich meinen Kollegen Edi vom Flugplatz ab. Der Flugplatz ist nicht riesig, ich entdecke ihn unter dem blauen Portal recht schnell. Die Reise bis im August wird nun mit ihm weitergehen.

Er hat mit mir im Februar die Rückreise in die Schweiz angetreten und ebenfalls seinen ganzen Karsumpel schon mal für die Weiterreise im Kamel zurückgelassen. 

Und da der Edi nun wiederum mein Begleiter sein wird, wird er hier die Berichte weiter verfassen. 

 

9. Juni 2025

Es ist mein zweiter Tag zurück in Bolivien. Die Nacht verbringen wir im Hotel Belmont in La Paz, wo Heinz im Februar seine ersten Flugversuche mit gebrochenem Bein unternahm. Das Frühstücksbuffet ist wenig überzeugend, aber die Pizza vom Vorabend reicht auch heute Morgen noch für einen kleinen Imbiss.

Wir wollen diesen „Unglücksort“ eigentlich bald verlassen. Doch Heinz verfolgt noch ein Projekt: In jedem Land, das er besucht, führt er ein Interview mit einer Auslandschweizerin oder einem Auslandschweizer. Deshalb besuchen wir in La Paz Ernesto, der hier eine Autowerkstatt betreibt und sich in weiteren Projekten engagiert. Ein Mensch mit grosser Lebenserfahrung und einer eindrücklichen Biografie.

Gegen Mittag brechen wir auf in Richtung Patacamaya. Es dauert, bis wir die weitläufigen Vororte von La Paz hinter uns lassen. Die Strasse führt durch ein Gebiet mit wenig ansprechender Architektur, gesäumt von Industrieanlagen, halbfertigen Ziegelbauten und beschädigten Strassenabschnitten.

Danach erreichen wir die Altiplano-Hochebene. Die Landschaft ist weit und bemerkenswert. Trotz der Wildnis wird hier Landwirtschaft betrieben – Viehzucht ebenso wie Ackerbau. Die kleinen Höfe wirken in der offenen Weite oft verlassen.

In Patacamaya kehren wir ein. Fleischlos zu essen bleibt ein Wunschtraum, aber die Fleischstücke lassen sich zur Not aus dem Eintopf fischen.

Am Nachmittag fahren wir weiter in Richtung Curahuara. Schon bald halten wir Ausschau nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. In der Nähe von Santiago de Callapa schlagen wir unser Nachtlager auf offenem Feld auf – ein ruhiger, idyllischer Ort zum Campieren.

Gute Nacht! Und: Heute ist der 9. Juni – Heinz hat Geburtstag.

 

10. Juni 2025

Lago mio, war das kalt letzte Nacht! Am Abend sassen wir noch draussen vor dem Kamel – es war auch noch recht angenehm. Wir feierten den Geburtstag in aller Stille, auf niedrigster Flamme, wie er es mag. Doch als die Sonne untergeht, verzogen wir uns rasch in unsere Schlafsäcke. Zunächst ging es noch mit der Kälte noch, aber später in der Nacht rief mich die Natur nach draussen – und da traf mich die Kälte mit voller Wucht. Besonders meine Füsse protestierten gegen die tiefen Temperaturen.

Von da an blieben sie kalt. Nichts half.

Erst als die Sonne aufgeht und die Zelte langsam erwärmt, stehen wir auf. In der Kaffeemaschine hat sich Eis gebildet, und im Teewasser schwimmt ein Klumpen gefrorenes Wasser. 🥶

Wir sind mitten im Winter angekommen. Wenn in Europa der Herbst beginnt, werden auch hier die Nächte wieder milder.

Wir übernachten im Altiplano – wobei eigentlich schon das Umland von La Paz dazuzählt. Den ganzen Tag fahren wir durch diese faszinierende Hochebene. Es ist eindrücklich, sich vorzustellen, dass der gesamte Regen in dieser riesigen Senke versickert oder verdunstet. Zurück bleibt das Salz im Boden.

Trotzdem leben hier Menschen von Landwirtschaft. Eine beachtliche Leistung.

Es gibt in dieser Region keine Flüsse, die zum Meer fliessen. Zwar sehen wir gewaltige Wasserläufe, aber sie bleiben alle im Hochland – auf über dreitausend Metern Höhe.

Der Winter ist trocken. Schnee liegt nur auf den höchsten Gipfeln. Weiter unten schneit es nur sehr selten.

Unser Ziel heute ist der Sajama, ausgesprochen Sachama – ein gewaltiger Vulkan im gleichnamigen Nationalpark. Wir wollen ihn mit dem Kamel umrunden. Im kleinen Ort Sajama kaufen wir das Nötigste ein, essen in einem einfachen Restaurant und richten uns für die Nacht am Rand des Sportplatzes ein.

Der Wind legt sich langsam. Gegen sechs Uhr beginnt die Dämmerung, um sieben ist es stockfinster.

Heinz startet die Heizung im Kamel.

 

11. Juni 2025

In Sajama frieren wir auch diese Nacht. Unser Übernachtungsplatz auf dem Schulgelände erweist sich als ideal: Windgeschützt parken wir das Kamel so, dass der Wind uns kaum erreicht. Sobald das Tageslicht anbricht, erwärmen uns die ersten Sonnenstrahlen – zuvor aber ist es mörderisch kalt. Die Standheizung läuft zwar öfter, kann aber nur wenig gegen die durchgefrorenen Dachzelteltwände beim oberen Bett ausrichten. Umso willkommener sind am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf dem Dachzelt.

In der Schule hier besuchen rund siebzig Kinder den Unterricht – von der Primar- bis zur Sekundarschule. Alle, Lehrpersonen wie Schülerinnen und Schüler, sind höflich und hilfsbereit. Stellt man sich zwei alte bolivianische Männer in einem Schweizer Dorf vor, die einfach auf dem Pausenplatz campieren, hmmm… wie würde das wohl ausgehen?

Gegen zehn Uhr brechen wir auf, um unsere Vulkanumrundung fortzusetzen. Kurz nach dem Dorf biegen wir auf einen schmalen Feldweg und gelangen in die Botanikzone: Hier wachsen die Queñua-Krüppelbäume (Polylepis tarapacana) bis auf rund 5 000 Meter – weltweit die höchst wachsende Baumart. Die Einheimischen des Sajama-Nationalparks sind zurecht stolz darauf.

Der Weg führt steil den Vulkanhang hinauf, vorbei an mittelgrossen Bäumen, die widerstandsfähig dem harten Klima trotzen. Eindrücklich!

Eigentlich wollten wir danach in heisse Quellen eintauchen, doch der lange Fussmarsch durch den Flusslauf wäre für Heinz’ Bein zu anstrengend. Wir verzichten schweren Herzens.

Unser Weg setzt sich fort durch die weite, karge, aber wunderbar schöne Landschaft des Altiplano. Immer wieder treffen wir auf Lama-Herden, sehen weitere Vulkangipfel, glitzernde Wasserläufe und abgelegene Seen.

In Tomarapi, einer kleinen Siedlung, besichtigen wir eine Kirche aus dem 17. Jahrhundert – ein lohnender Abstecher. Zurück auf der Hauptstrasse entdecken wir eine Zona arqueologica. Natürlich halten wir an und machen Fotos.

Gegen Abend suchen wir eine Tankstelle mit Diesel und einen Schlafplatz. Die Schlafstelle finden wir in Totora: Vor dem Polizeiposten dürfen wir die Nacht verbringen – der diensthabende Polizist ist sehr freundlich. eine Tankstelle mit Diesel finden wir jedoch nicht.

Da alle Restaurants bereits geschlossen sind, kochen wir Pasta mit Sauce und Käse. Gute Nacht.

 

12. Juni 2025

In Totora sind wir rund 500 m tiefer, und bei unserer Ankunft ist es angenehm warm. Die Nacht wird dann aber je länger je kälter. Ab etwa vier Uhr ist wieder alles saukalt.

Wir stehen gegen sieben Uhr auf und frühstücken. Danach räumen wir auf – wir haben gestern einiges einfach in die Fahrerkabine geworfen. Auch das Geschirr vom gestrigen Abend will noch gespült werden.

Es ist nach zehn, als wir uns vom Polizisten mit Schokolade verabschieden und das Dorf verlassen.

Unser Ziel ist der Huacanapisee, der nicht weit von Totora entfernt liegt. Huacanapi liegt nicht direkt am See. Wir lassen das Kamel stehen und wandern über gute und schlechte Wege, Trampelpfade und frisch Gepflügtes. Vorbei an zwei angebundenen Stieren und fünf Lamas. Sie zeigen sich alle von ihrer harmlosen Seite.

Der See ist bezaubernd, recht sauber, und es hat Wasservögel. Schade ist, dass der Bauer fast bis ans Ufer gepflügt hat und einige Leute ihren Abfall einfach liegen lassen.

Als Nächstes fahren wir weiter in Richtung Oruro. Wir kommen gut voran auf grösseren Strassen, vorbei an kleinen Dörfern.

Dass Bolivien ein Treibstoffproblem hat, ist bekannt. Mal fehlt Benzin, mal Diesel. Die Warteschlangen vor den Tankstellen sind lang. Wir beginnen frühzeitig, nach einer funktionierenden Tankstelle Ausschau zu halten. Doch vielerorts sind die Dieselzapfsäulen gesperrt, oder es heisst: „kein Diesel“. 

Wir hoffen auf Oruro. Kaum sind wir in der Stadt, beginnt die Suche – aber leider ohne Erfolg. Nach 3 Stunden suchen und herumfahren geben wir auf.

Gegen sieben Uhr finden wir ein passendes Hotel und checken ein.

Wir hoffen, dass wir heute etwas wärmer schlafen.

 

13. Juni 2025

Es ist schon wieder nach zehn, bis wir von Oruro wegkommen. Das Hotel war zwar teuer, aber dafür warm und sauber. Wir konnten nachholen, was an Aufgaben liegen geblieben ist.

Das Frühstück ist gut, besser als jenes im Hotel in La Paz.

Mit der Abfahrt beginnt auch erneut die Suche nach Diesel. Nach einer Empfehlung fahren wir etwa eineinhalb Kilometer zur nächsten Tankstelle. Dort soll es welchen geben. Als wir ankommen, merken wir, dass wir am Abend zuvor an genau diesem Ort weggeschickt worden sind. Das heutige Personal hat jedoch ein Erbarmen. Wir dürfen uns vor die kilometerlange Lastwagen-Schlange einreihen (diese warten teilweise 24 Stunden und mehr auf Treibstoff!) – und füllen unseren Tank. Über hundert Liter. Der Tankwart schaut erstaunt, ob das Kamel ein Leck hat…  Nun sind wir vorläufig eine Sorge los.

Auf dem Weg Richtung Sucre kommen wir bei Poopó durch ein Bergbaugebiet. Hier werden verschiedene Erze abgebaut, was die Umwelt stark belastet. Das Wasser des gleichnamigen Sees ist verschmutzt, zudem entnimmt die Landwirtschaft zu viel Wasser, was den Pegel sinken lässt. Die Regierung wird dafür verantwortlich gemacht.

In Challapata werden wir gestoppt: Protestierende sperren die Strasse. Wir finden einen staubigen Umweg und fahren weiter.

In Cruce Culta essen wir. Für eineinhalb Dollar gibt es eine Gemüsesuppe und einen Teller Reis – mit etwas Gemüse, Kartoffeln, Ei und einer eigenartig roten Sauce.

Von hier übernimmt Heinz das Steuer nicht mehr, ich fahre ein Stück, damit er sich erholen kann. Die Landschaft ist eindrücklich, wird aber mit der Zeit eintönig. Die Strasse verläuft schnurgerade – offenbar mit dem Lineal gezogen. Erst in der zweiten Hälfte der Fahrt beginnt das Gelände wieder bergiger zu werden, und die Strasse bekommt Kurven.

Auch hier wird protestiert, diesmal gegen die Treibstoffpreise. Quer über die Strasse liegen Reihen grosser Steine. Wo keine Leute stehen, gibt es versetzte Durchfahrten. Doch an anderen Stellen lassen die Protestierenden die Fahrzeuge nur nach Gutdünken passieren – oder gar nicht.

Im Dörfchen Macha übernachten wir auf dem Plaza Central, wieder neben dem Polizeiposten. Ich ziehe mich früh in mein Turmzimmer zurück. Es soll zwei Grad werden, und ich spüre erste Anzeichen einer Grippe.

 

14. Juni 2025

Auch heute ist es wieder zehn Uhr, bis wir in Macha abfahren. Bis dahin haben wir das Frühstücksprozedere hinter uns. Es gibt Toast, heute mit Honig, und natürlich Kaffee. Danach wird abgewaschen.

Fast alle, die am Platz vorbeikommen, zeigen grosses Interesse. Der Gaskocher, der Benzinkocher, der Toaster, die Inneneinrichtung des Kamels – alles gibt Gesprächsstoff. Manche beobachten uns aus der Distanz, andere kommen in Grüppchen und stellen Fragen.

Unser Ziel ist heute Sucre, die Hauptstadt. Es sind 114 Kilometer durch gebirgige Landschaft.

Kurz nach Sauce Mayu Centre sehen wir ein Schild mit der Abzweigung nach Tanga Tanga. Dort soll es eine alte Kirche und prähistorische Felszeichnungen geben. Wir beschliessen, den Feldweg hinunterzufahren. Nach etwa fünfzig Metern zeigt sich: Der Weg ist steil, steinig, links Felsen, rechts Abgrund. Ich halte mich gut fest – und schlucke mehrmals leer.

Wir fahren vorbei an farbigen Felswänden, überqueren unten ein Flüsschen und steigen auf der anderen Talseite wieder hoch, durch kleine Weiler. Die versprochene Kirche oder Felszeichnungen sehen wir nicht, dafür erleben wir Landwirtschaft wie bei uns vor 150 Jahren.

Das Getreide wird draussen auf dem Dreschplatz mit groben Zweigen aus den Ähren geschlagen, die Spelzen mit Windkraft vom Korn getrennt.

Auf dem Rückweg erfahren wir, dass die Felszeichnungen nur zu Fuss erreichbar wären.

Die Rückfahrt verzögert sich: Ein Tiertransporter blockiert den Weg. Der Fahrer rennt vorbei zu den Bauernhäusern. Noch bevor wir entscheiden, umzukehren, kehrt er zurück – mit einer Schafherde, einem Wagenheber und einer Balkenwaage. Die Schafe laufen weiter, der Heber und die Waage werden verladen. Dann fährt der Transporter weiter. Keine Panne, kein Unfall – einfach Alltag. Auch wir fahren zurück zur Hauptstrasse.

Weil wir heute viel fotografieren – „mit uns zwei kommt man nicht vorwärts“ –, drückt Heinz auf dem Weg nach Sucre etwas mehr aufs Gas. Wir sehen unzählige Foto-Motive, verzichten aber meist aufs Anhalten.

Kurz vor Sucre fahren wir durch einen richtigen Wald mit grossen Bäumen. Die Stadt liegt auf 2800 Metern und bietet einen imposanten Anblick. Sie ist Universitätsstadt und neben La Paz die zweite Hauptstadt Boliviens – La Paz für Verwaltung, Sucre für Recht und Gerichtsbarkeit.

Bei unserer Ankunft ist ein grosses Fest im Gange. Viele Strassen sind gesperrt, die Zufahrt zu unserer Unterkunft ist mühsam. Doch schliesslich finden wir sie und sind zufrieden.

Am Abend gönnen wir uns eine Pizza in der Stadt. Danach noch etwas Büroarbeit – und dann ab in den Schlafsack.

 

15. Juni 2025

Wir sind in Sucre. Es ist deutlich wärmer als in den höheren Regionen. Meine Erkältung ist fast verschwunden, dafür hustet jetzt Heinz.

Unser „Campingplatz“ ist wie ein Sechser im Lotto. Die Frau Professorin – Carolina – deren Vater dieser Garten gehört, ist Ärztin. Ihr Mann ist Norweger.

Wir campen allein in diesem gepflegten Garten unter grossen Bäumen. Jeder hat seine eigene Dusche mit WC. Zusätzlich dürfen wir einen Aufenthaltsraum benutzen, um am Computer zu arbeiten.

Um sieben Uhr stehen wir auf. Danach folgt die übliche Morgenroutine. Anschliessend arbeitet jeder an Dingen, die noch zu erledigen sind.

Zum späten Mittagessen gehen wir in die Stadt. Sucre ist auch heute lebendig. Auf dem zentralen Platz hat es viele Menschen, es wird Musik gespielt. Schön – es ist Sonntag.

Zurück im Camping vergeht der Nachmittag im Flug. Heinz lädt Bilder und Beiträge auf „redcamel“, ich tüftle am Computer.

Am Abend wird es wieder kühl, aber wir sind ja inzwischen einiges gewohnt. Gegen zehn Uhr kehrt Ruhe ein – fast alles schläft.