Berichte 16.05. – 31.05.2021

I’m back home in Switzerland now – probably until April 2021


Das Berichteschreiben blieb für einige Tage etwas auf der Strecke und trat in den Hintergrund.

Viele mögen sich gefragt haben, wo ich mittlerweile stecke.

Vorab: Ich bin am 20.05. zurück in die Schweiz gekommen. Die letzte Zeit war sehr speziell und sonderbar zugleich, und es bot sich eine überraschende Rückreisemöglichkeit. Ich erlebte leere Flughäfen und leere Flugzeuge, und verbrachte die ersten 6 Tage in der Schweiz vor meinem Zuhause in einem Wohnwagen…

Zudem bin ich bin etwas gehandikapt, meine rechte Schulter schmerzt. Mit ein Grund weshalb ich der Tastatur auch etwas fernzubleiben versuche. 


Nun, hier die Nachträge:


16.05.2020

Noch keinen Erfolg, was die Rückreise anbelangt – die Flüge der IcelandAir finden nicht statt.

Doch Flugbewegungen gibt’s hier allemal:  Viele Humming Birds fliegen herum, sagenhaft «härzegi» Vögelchen.

Diese winzigen  Kolibris sind etwa 5cm lang und wohl kaum schwerer, als ein Frankenstück. Sie sind sehr wendig, können schweben und gar rückwärts fliegen. Man hört lediglich ein Schwirren mit einer sehr hohen Frequenz, ähnlich einem Hummel. Und so ein Schwirren habe ich kürzlich im Kamel gehört. Und es war kein leichtes Unterfangen, dieses blau rot schimmernde Ding durch die Dachluke wieder ins Freie entlassen zu können.

Sie verbringen den Winter in Mittelamerika, bevor sie für die Brutzeit im Frühjahr hierher ziehen. Ihre Wanderungen scheinen durch den Sonnenstand am Himmel und durch die Länge der Tage ausgelöst zu werden.

Die Problematik nun besteht darin, dass viele Leute hier die Vögelchen mit Zuckerlösungen füttern, und dass diese dann vorziehen, über den Winter gar nicht nach Süden zu fliegen. Und das endet dann eben tödlich.


17.05.2020

Ein Telefonat heute, das erfreut und beängstigt zugleich. Es wird endlich ein Flug angeboten; die IcelandAir hat mich auf die Canada Air umgebucht. Um 08.27 Uhr habe ich sogar die Bestätigungsmail bekommen. Erfreulich diese Möglichkeit – aber wie wird das sein, jetzt in dieser schrecklichen Zeit eine Reise zu tun? Am 19. Mai habe ich einen Flug, Vancouver – Toronto – Zürich.

Das Kamel kommt auf seine Böcke und wird sommer- und winterfest gemacht. Wichtig sind vor allem alle Flüssigkeiten: Kühler, Scheibenwischer, aber auch der Dieselzusatzstoff dürfen nicht vergessen werden. Das Auto muss abgestellt das ganze Temperaturspektrum von +35°C bis -35° alles überstehen können. Und auch die weiteren Flüssigkeiten, Sprays, Gase, Benzine, Medikamente, Elektronik und Akkus müssen vor Hitze und Kälte geschützt werden. Ich packe zwei rote Taschen und lagere diese bei Hans im Keller.

Mehrere Indianer Stämme und Umweltaktivisten protestierten in Kanada gegen den Bau einer Erdgas-Pipeline. Unter anderem blockierten sie dabei Schlüsselstellen des Schienennetzes und wichtige Hafenanlagen.

Heute scheint BC mit den Häuptlingen eine Lösung gefunden zu haben.

Die indigene «First Nation» hat nie Verträge mit Kanada geschlossen, rein rechtlich gehören also weite Teile der Provinz British Columbia der ursprünglichen Bevölkerung. Bislang wurde das von der kanadischen Politik und von der Industrie ignoriert, doch jetzt geben die Gerichte den Indianern Recht.


18.05.2020

Letztes Packen ins Kamel, Schlafsack, Kissen, Schuhe, Werkzeug, Ersatzteile … eigentlich lasse ich fast alles im Auto zurück und nehme nur nach Hause, was ich auf den nächsten Fahrten bestimmt nicht mehr brauchen werde. Unter anderem habe ich den Boiler herausmontiert. Das gibt dann Platz für wichtigeres. Und den Boiler habe ich bisher maximal zweimal gebraucht – er braucht einfach zu viel Strom und ist schlecht auf die Pumpe abgestimmt.


19.05.2020

Hans und Ruth fahren mich zum Flughafen. Das ist sehr liebenswürdig, die Strecke ist denn auch 335km. An dieser Stelle möchte ich mich für die Gastfreundschaft, die Unterstützung und die grosszügigen Angebote nochmals herzlichst bedanken.

Der Flug nach Toronto und der Flug nach Zürich fliegt gegen Osten, also gegen den Tag. Und erstmals habe ich die Welt in diesen fast 6 Monaten wirklich ganz umrundet.

Doch die Reise kommt mir nicht wirklich feierlich vor, alles ist fremd, surreal…

die leeren Flughafengebäulichkeiten, die menschenleere Hallen und Gänge, die vergitterten Duty Free Shops, wirklich eigenartig.

Ab und zu huscht jemand mit einem Putzwägelchen den leeren oder dunklen Schaufenstern entlang. Absperrbänder um Tische und Bänke, Plastikfolien über den Stühlen. Die Check-ins sind bis auf einen geschlossen, nicht Menschen sondern Schilder weisen den Weg, und die Zollabfertigung erfolgt sehr rasch und wortlos, alle Kontrollen spielen sich mit einem unnatürlichen Abstand ab.

Die Abfahrtstableaus sind beinahe leer, sechs Flüge werden für heute im obersten Dreissigstel angezeigt. Die gespenstische Friedhofstille wirkt unangenehm auf mich, wie in einer Zombiewelt… Die wenigen Menschen, die hier sind, bewegen sich lautlos und hastig mit ihren Köfferchen, als würde der Teufel höchstpersönlich sie direkt verfolgen.

Alle Personen tragen Masken, gesichtslose erscheinungen – es ist ja auch obligatorisch. Im Abstand von etwa 10 Minuten warnt eine Stimme in Totengräberstimmung in Englisch und Französisch: «Bitte Abstand halten, mindestens zwei Meter! Waschen sie sich die Hände, tragen sie die Maske!» Der Abstand fällt ja auch nicht schwer – ist ja kaum ein Mensch zu sehen.

Wenn ich einen Horrorfilm drehen müsste, so wäre das hier ein geeigneter Ort.

Und auch in den beinahe leeren Flugzeugen fühle ich mich unwohl. Unter der Maske wird mir heiss, oft läuft die Brille an… und zu Essen gibt es ein siebenfach verpacktes Brötchen, dazu wird von der Stewardess im weissen Schutzanzug ein Fläschen Wasser überreicht.

Immerhin kann ich den Sitzplatz frei wählen und habe die ganze Sitzreihe dann für mich alleine. Im Boeing 737 von Toronto nach Zürich sind 11 Passagiere, über 200 Sitze sind leer.


20.05.2020

Ich bin zurück in meiner Heimat, in einer fremden Heimat. Wie kann denn eine Heimat fremd sein? Es ist einfach anders.

Die im Dezember verlassene Normalität fehlt, obwohl ich hier im Flughafen fast der einzige bin, der eine Maske trägt. Und die Leute gehen einander vorsichtig aus dem Weg, reiben sich die Hände in einer Händewaschbewegung, wenn sie aus dem Laden treten. Die Bewegungsflächen der Menschen sind mit Zeichen und Hinweisen definiert, hier rauf, hier runter, hier rechts…. und da eine Abstandslinie, hier ein Plexiglas.

Im Zug spricht auch niemand, alles mutet so an, als ob sich gestern eine fürchterliche Katastrophe ereignet hätte.

Doch plötzlich bin ich daheim. Mit viel Herzlichkeit und Freude werde ich empfangen.


Kanada

Gerne erinnere ich mich an die letzte Zeit in Kanada. Und ich hoffe sehr, dass ich im nächsten Jahr die Reise hier fortsetzen darf. Bisher war es ja nur eine kurze Reise in diesem wunderbaren Land.

Mein Alltag in dieser einsamen Welt war so anders als alle die anderen Reiseerfahrungen bisher, das Erleben der Ruhe in den schier endlosen Einsamkeit, das ungestörte, bewusste Alleinsein hat mir zu neuen Erkenntnissen und Fähigkeiten verholfen.

Diese Stimmungen abends und morgens weitab jeglicher Zivilisation haben jeweils dieses Sein bestimmt, ich habe das Zwitschern der Vogelwelt als Unterhaltung wahrgenommen, das Rauschen des Baches hat mich in den Schlaf begleitet, die Gerüche des kühlen und feuchten Waldes waren ein Genuss.

Ich habe mich als Teil der Wildnis verstanden, habe aus dem Rauschen der Äste die Windstärke zu lesen gelernt, und mich entsprechend von den angeschlagenen Bäumen oder dem Totholz ferngehalten, habe Feng Shui praktisch umgesetzt und darauf geachtet, dass der Rastplatz denn auch sicher war.

Und die Zeit, die Tage verschwammen rasch – oft wusste ich nicht, welcher Wochentag es ist – und das war ja auch nicht wichtig. Es war immer genügend Zeit da um einfach achtsam zu warten, bis es etwas zu entdecken gab.

Wie beeindruckend war es, den Grauwolf vom Frühstückstisch aus zu beobachten. Und wie beeindruckend, als der kleine Bär mir beim Fonduekochen durchs angelaufene Fenster zuschaute.

Die Natur hat auch viele meiner unnötigen Gewohnheiten überwinden helfen, das häufige auf das Mobile Schauen erübrigte sich – denn oft hiess es «Kein Netz» – und das war’s dann. Und die News konnte ich auch nicht täglich hören. Kein Fake in der Natur…

Ich entdeckte das Kochen als archaisches Ritual, schaute interessiert und genussvoll zu, wie das Essen entsteht. Zeit dazu war zur Genüge vorhanden.

Und ich stellte fest, wie genussvoll und wohlig es ist, abends an einem wärmenden Feuer sitzen zu können.

Ich erfand eigene Abläufe und Programme und machte lustige Sachen gegen die unerträgliche Leichtigkeit des Seins… Auch wenn es nur ein schier feierliches Essen mitten auf einer Brücke war. Oder ein Spaziergang mit Trillerpfeife, damit der Bär vorgewarnt war.

Viele Vorgangsweisen mussten den Voraussetzungen angepasst werden, beispielsweise hatte das Abwaschen unmittelbar zu erfolgen, weil Geschirr der Wildtiere wegen nicht draussen stehen gelassen werden konnte. Wenn es hell war, stand ich auf, wenn es eindunkelte und kühl wurde, dann gings ab in die Heja.

Morgens wurde der Tee gekocht und in die Thermosflasche gefüllt, weil es für den Frühstückskaffee eh den Kocher brauchte. So konnte ich den ganzen Tag etwas Warmes in den Bauch kriegen.

Die Ordnung im und ums Auto wurde zur wichtigen Routine, und ich habe im Roten Kamel einen ganzen Kosmos geschaffen, der meinem Leben den nötigen Halt gab. Alles brauchte seinen Platz, sonst hätte ich es vielleicht nie mehr gefunden.

Eigentlich hat mir fast nichts gefehlt, ich hätte es wohl länger aushalten können. Fast nichts – doch Familie, Freunde oder Mitmenschen schlechthin fehlten oft und ich freue mich nun auf ein menschliches Gegenüber.

Zum Erzählen, aber auch zum Zuhören.

Nun muss ich nicht mehr in meinem Kopf die Sätze formulieren, die ich gern zu einem Begleiter sagen würde. Und nicht mehr unbeabsichtigte Selbstgespräche führen und meine Handlungen dabei kommentieren… Ihr alle seid nun wieder da.

Back home.

Ich melde mich hier wieder, sobald sich eine Möglichkeit zur Weiterreise abzeichnet. Oder bei wichtigen Ereignissen.


16.06.2020

Heute ist mein Berufskollege, Freund und Reisepartner verstorben.

Es trifft tief, wenn der Tod uns jemand von der Seite nimmt und ins Stumme stösst. Aber es tröstet die Überzeugung, dass Enzo ein herzliches Wesen von ganz unzerstörbarer Natur ist.

Lieber Enzo, es war so wunderbar, dass du mich auf der Reise begleitet hast. Danke!

Nun hast du die letzte Reise alleine angetreten. Doch auch wenn diese Reise dich in eine andere für uns unbekannte und unendliche Weite führt, so wird dein Andenken uns hier für immer begleiten.


22.06.2020

Island Air hat den Rückflug im kommenden Jahr nach Kanada gestrichen. Ich soll ihnen im Oktober wieder telefonieren.

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