Berichte 16.03. – 31.03.2020

16.03.2020

Unser Sohn S. hat Bericht bekommen, dass für ihn als Spitalsoldat eine Mobilmachung gilt. Er wird sehr exponiert sein. Und an den nächsten Wochenenden auch nicht mehr nach Hause dürfen. Das macht mir Sorgen. Shunni – du schaffst es!

Meine Frau hat die Praxis vorübergehend schliessen müssen. Ein Desaster. Glücklicherweise kann sie weiter Kräuterrezepturen ausstellen und Fernbehandlungen machen.

Es erreichen mich viele WhatsApp und Mails… „Hallo Heinze. Pass auf dich auf. Es sieht alles nach globaler Einstellung des Flugverkehrs aus. Wir denken an dich.“

Aber auch die Flugbestätigung der AA ist angekommen. Der Flug vom 18.03. sollte noch funktionieren. Erneut buche ich in Vancouver einen Mietwagen, und ein AirBnB im Richmond Quartier habe ich auch gefunden.

„Hi Heinz. Thanks for booking. You’ll be safe in my place. I don’t have a lot of people in my house.
The area is very quiet and grocery shopping is walking distant from me and of course I have a WiFi. See you soon. Best wishes.“

Nun hoffe ich natürlich, dass das nicht alles wieder storniert werden muss. Denn dabei verliere ich immer wieder Geld. Aber was soll ich denn anderes tun?

Oft schwimme ich ein bisschen. Diesmal auch in echt – in den Parakai Springs. Muss mein Immunsystem weiter stärken. Bin ja gewissermassen auch ein Risiko Patient.


17.03.2020

Gestern abends führte mich die Route durch Gegenden, welche ich mit meinen Youngsters S. und M. gefahren bin. Wie viel mal besser war das Gefühl damals, wie viel lustiger und unbeschwerter. Ich verabschiedete mich bei A. und T. im Norden von Auckland und übernachtete dann hier in Bombay Pukekohe.

Ich telefoniere mit AA, der Flug solle stattfinden. Aber morgen früh solle ich mich nochmals vergewissern.

Nun versuche ich weiter aufzugleisen, wie die Notszenarien aussehen könnten, wenn ich das Kamel nicht rechtzeitig am Zoll in Vancouver abholen könnte.

Aber das sind ja eigentlich Luxusprobleme. Die Betroffenen zu Hause und auf der ganzen Welt sind echt schlimm dran.

Und ich hoffe, dass alle die jetzt massenweise Teigwaren und Toilettenpapier gekauft haben, gestresst nach Desinfektionsmitteln und Masken suchen und darüber denken, die Corona Gebiete zu vermeiden, nie mehr auf Menschen herabblicken, die vor Krieg und Hunger flüchten.


17. 03.2020 Nachtrag

Den letzten Eintrag hier habe ich kaum fertig geschrieben – und dann wird es ganz plötzlich turbulent… Ales beginnt mit dem SMS von Anneke: „Just heard on the news that Canada is closing it’s boarders. You probably don’t have a plan yet but you are welcome to stay with us as long as you need! We have lots of wine 🍷“. Ich suche sofort online nach, und da steht tatsächlich geschrieben, dass Kanada am 17.03. um Mitternacht die Grenzen für Ausländer dicht macht.

Jetzt geht der Puls hoch… Ich telefoniere mit der AA. Die Agenten bestätigen, können aber nichts anderes anbieten. Also schaffe ich es wohl kaum, das Rote Kamel rechtzeitig vom Zoll abzuholen, …? Da kommt mir der alte Jules in den Sinn, der mit den „in 80 Tagen um die Welt“, da gibts doch eine Datumsgrenze?… Wenn ich heute noch abfliegen könnte!…

Ich suche nach. Air New Zealand bietet heute Abend noch einen Flug. Ich buche parallel zu AA. Und telefoniere Kurt, dass ich ihm den Camper jetzt gerade sofort zurück nach Pukekohe bringen werde. Der gute Kudi beruhigt mich und bietet mir nicht nur Kulanz, sondern auch die Fahrt an den Flughafen an. In einer halben Stunde raffe ich im Bauernhof alles zusammen, das Sterilium Fläschchen rechts und das Propolis Extra Stark Spray links im Hosensack, Pass und Geld in die Bauchtasche – und weg…

Kurt fährt mich an den Flughafen, während der Fahrt versuche ich den AA Flug zu stornieren, mit Warteschlaufe und überforderten Agenten wie schon so oft. Das dauert mehr als Dreiviertelstunden. Kaum bin ich mit dem Telefonat fertig sind wir am Drop Off Punkt beim Flughafen. Kurt, ehrlich, ich bin dir unendlich dankbar! Deine Beruhigung, dein Angebot – und ich konnte dir nicht mal den Camper richtig reinigen.

Die nächste Hürde ist nicht schwierig, aber teuer. Bei der AirNZ sind nicht zwei Taschen wie bei der AA inbegriffen. Also Nachzahlen, 250 NZ$, meine Notlage nützt nichts. Die nette Dame würde sonst selber haften, wie sie sagt. Und um 19 Uhr irgendwas fliegt tatsächlich das Ding ab. Ein sonderbares Gefühl in dieser Maschine, eine gedrückte Stimmung, niemand lacht, es wird kaum gesprochen. einzelne Augen gucken panisch über den Masken durch. Toilettentürgriffe werden grundsätzlich nur mit Tüchlein angefasst. Und wenn jemand hüstelt oder niest, so drehen sich alle entsetzt in dessen Richtung. Auffällig viele tragen beim Einsteigen einen Rucksack vorne am Bauch und halten so Distanz.

Der Anschlussflug in San Francisco ist pünktlich. Alle Beamten und Polizisten weichen sofort zurück, wenn man sich nach dem Weg erkundigt. Fieber wird gemessen, Warnzettel verteilt. Das Gepäck wird beim Zoll von niemandem gecheckt.

Eine Stunde vor Grenzschluss verlasse ich den Flughafen von Vancouver. Wow, kafkaesk…


18.03.2020

Unterwegs in San Francisco habe ich ein Homestay Inn gebucht. Das funktioniert. Denn das AirBnB habe ich auf den Mittag 18.03. gebucht, zudem ist es jetzt spät. Ich schlafe etwas unruhig, aber bis in den Vormittag hinein.

Am Nachmittag trete ich die empfohlen Self Isolation an, nicht ohne vorher noch etwas einzukaufen. Gut, einkaufen ist ein wenig übertrieben: Es steht praktisch nichts mehr in den Regalen. Teigwaren, Fleisch, Eier, Papier und Seife… alles leer. Das sieht hier nicht viel besser aus als in den europäischen Ländern, wie ich es in den Nachrichten gesehen habe.

Wow, das ist ja Krieg… So sonderbar, noch vor ein paar Stunden in Neuseeland war von alledem nichts zu spüren.

Die AirBnB Frau macht einen geschockten Eindruck, als ich mit meinen Einkaufstüten erscheine… Nein, das gehe nicht! Zwar ist eine „leichte Mitbenützung“ der Küche vorgesehen. Aber für mich sei das vorläufig nicht möglich. Ich müsse auf meinem Zimmer bleiben – nichts von Mitbenützen. Und sie macht einen strengen Eindruck, potztuusig!

Aber dann irgendwann scheint sie doch Erbarmen zu haben. Sie kauft eigens für mich einen zusätzlichen Wasserkocher, bringt Plastikgeschirr und -besteck, schleppt einen Miniofen und eine Mikrowelle an…


19.03.2020

So einen Tag lang in einem Raum eingesperrt zu sein, das fühlt sich eher eng und eingegrenzt an. Gut, seinerzeit in der Armee musste ich ja das auch, habe also etwas Vortraining. Ist doch alles für etwas gut.

Mit der AirBnB Mamuschka habe ich mich weiter verständigt. Es ist eine strenge Russin, und sie stellt ihre Regeln in Putinmanier vor. Doch wie es Puschkin zu entnehmen ist, haben Russen ein gutes Herz. Sie will dann sogar die gestern besorgten Sachen für mich kochen.

Und es gibt auch Möglichkeiten, Essen online zu bestellen. Das werde ich nützen.

Und so trinke ich halt Nescafe, aber Abstriche muss man in Notlagen machen.

Nach 7 Nächten suche ich mir dann wohl weiter ausserhalb der Stadt (wenn möglich auf Vancouver Island) eine andere Unterkunft, bis das Kamel kommt. Mal abwarten.

Heute wird mein Papa 90 Jahre alt. Gratuliere. Eigentlich würde ich jetzt wirklich sehr gerne zu Hause sein. Aber ich kann die Probleme, die dann entstehen würden, nicht abschätzen. Denn es ist klar vorgeschrieben, dass der Besitzer der Fracht diese am Zoll persönlich, mit allen möglichen und unmöglichen Unterlagen, abzuholen habe. Es bleibt mir nichts übrig.


20.03.2020

Bisher keinerlei Symptome, kein Schnupfen, kein Kratzen im Hals, es geht mir gut. Nur machen sich zunehmend Ängste breit. Um meine Angehörigen, Freunde, Nachbarn… um die Schweiz, die Welt.

Die ganzen News, die 10vor10 Sendung und die Sondersendungen mit Herrn Koch erwecken bei mir grosse Unsicherheiten. Der Herr Koch ist zwar diplomatisch und versucht zu beruhigen, er lügt wahrscheinlich nicht, aber er sagt nicht alles. Eben lange nicht alles. Tests fehlen, vieles wurde verpasst, vieles verharmlost, die Regierung entscheidet zu zögerlich.

Liebe alle, in der Heimat. Nehmt die Lage ernst, sehr ernst. Bleibt zu Hause, wann immer ihr könnt. Liebe ehemaligen Schülerinnen und Schüler, helft Leben retten, indem ihr Weisungen befolgt.

Wenn ich nicht in einer Zwangslage wäre, so würde ich bestimmt nicht im Ausland sein.

Grundsätzlich muss ich etwas aufpassen, nicht eine Erkältung oder eine gewöhnliche Grippe zu fassen. Denn hier ist definitiv nicht Sommer, der Frühling zwar wunderschön. Aber der Schnee auf den Bergen ringsum liegt noch tief. Tagsüber kann es bis zu 12° sein, nachts sinkt die Temperatur auf 3°. Vielleicht besser, wenn ich mich zunächst in einem Haus anklimatisiere. Mamutschka heizt und es gibt eine warme Dusche.


21.03.2020

Eigentlich spannend, ich kann mich mit allen meiner Familie und mit Bekannten recht gut unterhalten, obwohl sie nicht zugegen und zumeist sogar auf der anderen Erdhälfte sind. Da gibts eine grosse Auswahl an Videotelephonie und Chats… und doch ist es halt nicht dasselbe. Der unmittelbare Kontakt ist eine momentane Beziehung mit allen Sinnen, nicht nur auf einer flachen Scheibe, halt einfach besser.

Nun denn, so wie mir geht es den meisten Bekannten in der Schweiz. Sie bleiben einfach drin. Und chatten.

Ich lasse mir über ein online Portal zu Essen bringen. Nasy Goreng Ayam. Es kommt warm, ist schnell da und günstig. 16 CAD, das sind etwa 11 CHF. Also muss ich Mütterchen Russlands Küche nicht betreten. Obwohl sie immer freundlicher wird und gar nicht mehr so streng guckt. Ich verstehe sie ja auch, einerseits hat sie ihre Regeln, anderseits ist es eine ausserordentliche und gefährliche Situation.

Am Nachmittag gehe ich gezielt an menschenleere Orte und gehe zügig ein paar Kilometer an der Frühlingssonne.

Wenn diese Sonne weltweit nur diese Viren wegschmelzen könnte…


22.03.2020

Danke allen, die sich mit mir auf den Video Chats verbinden…

Es hält die Stimmungs-Tiefgänge etwas auf, denn mittlerweile bin ich nicht mehr sicher, ob ich richtig entschieden habe.

Es bestätigt sich, dass das Reisen nicht erholsamer Urlaub ist. Vieles muss weit(sichtig) geplant und Schwierigkeiten abgeschätzt werden. Aber es bedarf auch grosser Flexibilität – oftmals müssen sehr rasch Entscheidungen getroffen werden, Entscheidungen die langwierige Folgen haben können.

Ob diese letzten Entscheidungen in meinem Fall richtig waren?

In dieser Geschichte gibt es fremdbestimmte Facts, Voraussetzungen und Zusammenhänge, die ich einfach zu befolgen hatte. Und es gibt da auch intuitive Reaktionen oder gar panische Affekthandlungen, und solche sind per se wenig oder schlecht durchdacht.

Fakten sind, dass das Auto maximal ein Jahr lang in Neuseeland bleiben kann (bis 19.04.20) und dass der Besitzer beim Ausladen und Verzollen des Autos in Kanada physisch anwesend sein muss.

So musste die Verschiffung bereits im Sommer geplant und im Dezember 2019 gebucht sein. Anfangs Januar stand denn auch das Verschiffungsdatum fest.

Die ETA (estimated time of arrival) ist der 5. bis 7. April. Deshalb habe ich meinen Flug auf den 25.03. nach Kanada gebucht. Und nachdem ich wegen der ersten Corona Fälle von Taiwan und Thailand als Zwischenstopp absehen musste, schien es mir richtig, möglichst lange in NZ zu bleiben.

Und dann kam eben alles nochmal anders. Die Entscheidungen kennt ihr: Umbuchen zum ersten, zum zweiten, zum dritten Mal…

Eventuell wäre es mit einer notariell erstellten Bevollmächtigung auch möglich gewesen, das Auto durch eine Drittperson in Vancouver abholen zu lassen – aber das weiss niemand so genau. Zudem liess sich leider in so kurzer Zeit niemand mehr finden.

Nun, wie ihr wisst gelang es mir in letzter Minute so zu buchen, dass ich noch vor der Grenzschliessung in Kanada ankam. War das zu unbedacht?

Wie diese Wahl war , das wird sich zeigen. Vielleicht wird das Auto gar nicht erst abgeholt werden können, vielleicht wird gar der Hafen „locked down“ sein.

Und was sit, wenn ich das „Kamel“ bekomme? Soll ich es parkieren und versuchen in die CH zu kommen? Ob man das dann überhaupt noch kann? Oder soll ich nach Alaska zu meinem Bruder fahren? Wäre machbar, aber die Grenze da ist auch dicht.

Glücklicherweise weiss ich, dass sich grundsätzlich alle Probleme irgendwie und irgendwann lösen. Aber zu wessen Gunsten?

Ganz heftig Sorgen mache ich mir um meine Angehörigen. Hoffentlich bleiben alle gesund. Ich werde von hier aus keine grosse Hilfe sein… so fühle mich zunehmend schuldig.

Wer hätte eine solche Viruswelle voraussehen können? Du vielleicht?

I’m trapped…


23.03.2020

Stay Home… Ja, das tue ich grösstenteils. Da sich aber meine Sitzgelegenheit primär auf das Bett beschränkt, schlafe ich immer ein. So geschehen am früheren Abend. Nachmittags bin ich mit dem Auto nördlich des Flughafens in einen einsamen Park gefahren und habe dann ein so eine Art Intervall Jogging gemacht, etwa 3 km. Zurück in Mamutschkas Home lief dann SRF4 News in der Endlosschleife, bis weit nach Mitternacht.

Heute bin ich auch mit der Schweizerbotschaft in Kontakt getreten, habe telefonisch die Automiete verlängert, und viele Mails geschrieben. Die Logistic Firma aus der Schweiz schreibt u.a. …„Wir können Ihnen nicht vorschreiben, was Sie tun sollen. Sie müssen entscheiden, ob Sie in die Schweiz zurückkehren wollen oder ob Sie in Kanada bleiben. Sie wissen es: man braucht Sie vor Ort, um die Verzollung durchzuführen. Falls Sie nicht mehr im Land sind, werden wir die Verzollung nicht durchführen können und dann haben wir ein anderes Problem.“…

Liebe LeserInnen, ich danke ganz herzlich für die vielen unterstützenden und ermutigenden WA und Mails. Ich bin alleine in einem kleinen Raum und doch in dieser ausserordentlichen Lage mit euch allen…


24.03.2020

Der Himmel ist grau, nur die wirren Drähte zeichnen sich kontrastreich ab, schon der zweite leere Bus fährt vorüber, die parkierten Autos stehen seit Tagen an der gleichen Stelle. Die bunten Blumen und blühenden Bäume kann ich durch die beschlagenen Scheiben betrachten.

Keine Mensch sind auf der Strasse… ab und zu sind die Vögel zu hören, sie zwitschern und krähen. Weshalb wohl kommt mir immer wieder Kafka in den Sinn?

Die Schweizerfreunde mit dem IVECO sitzen ebenfalls fest, wie ich dem Mail entnehmen kann. Neuseeland geht für mindestens 4 Wochen in den totalen Lockdown. Jeder soll zu Hause bleiben. Sämtliche Reisen innerhalb des Landes müssen unterlassen werden. Ausserdem werden die Vorräte knapp, da das Land sehr viel der Nahrungsmittel importiert. Fast alle touristischen Einrichtungen, auch Campingplätze sind geschlossen. Und nicht nur hier sitzen hunderte von Touris fest. Meine abonnierten Overländer Facebook Gruppen sind voll von Hilferufen. Sie sitzen vor allem in Afrika und Südamerika und Südostasien fest.

Meine Generation hat es nur gut gehabt, wir haben noch nie eine Krise in diesem Masse erlebt. Wird das ein spannender Teil unseres Lebens?

Ich versuche immer wieder aufgestellt und fröhlich zu sein – und eben jeden Tag einfach so zu nehmen wie er ist.


25.03.2020

Pannen sind Chancen, versuchte man uns als Reiseleiter bei China Reisen zu überzeugen. Und das habe ich auch immer so erlebt. Und ein Unglück kann man durchaus als eine vorübergehende Beeinträchtigung erleben. Und diesmal?

Aus einem Chaos entsteht immer eine Neuordnung, wir sind in der Zeit eines Wandels, am Scheitelpunkt zu einer neuen Welt. Was die Greta nicht ganz zustande gebracht hat, wird das winzige kleine unsichtbare Ding zustande bringen.

Es wird sehr viel geschrieben. Und es wird sehr viel berichtet. Noch bin ich nicht in der Phase der Ruhe und Gelassenheit. Was immer ich auch anpacke, so werde ich doch in Gedanken abgelenkt, und immer wieder muss ich die News hören und sehen, CTV und BBC und 10vor10 und Tagesschau und Sonderberichterstattungen. Einen Bericht möchte ich euch nicht vorenthalten, ich finde diesen Text sehr spannend: Die Welt nach Corona… Ich glaube, dieser positive Denkanstoss ist ein Licht am Horizont .


26.03.2020

Ich habe mich entschieden, ein anderes AirBnB zu suchen. Hier bei Mamutschka läuft der Vertrag heute ab. Und ich beobachte, dass ich der guten Frau noch immer Angst einflösse.

Ich ziehe deshalb vormittags von Richmond nach West-Vancouver an einen Berghang, ein Naturschutzgebiet ist nahe, und die Beschreibung deutet darauf hin, dass ich dort freier und autonomer bin.

Ich möchte selber kochen. Und mich selber „sozial abgrenzen“.

Ich werde heute also kaum an einer Videokonferenz teilnehmen können.

On the road again.

Und gestern Abend habe ich auch wieder etwas Kreatives angepackt, vielleicht eine neue Phase aufgegleist. Es ist jetzt Zeit, das heisst ich habe jetzt Zeit… die Tutorials vom Lightroom anzusehen und etwas Neues zu lernen. See you…


27.03.2020

Kaum etwas funktioniert einfach so gewissermassen von selbst, so scheint es mir.

Gestern habe ich im AirBnB App etwas ausserhalb in Vancouver North eine Unterkunft gesucht, bei Spencer. Zuerst fuhr ich durch die Hochhausschluchten der Stadt um dann in ein hypernobles Quartier zu kommen.

Ich staunte etwas, sollte doch die Unterkunft nur 22 Fr. kosten. Und nur riesige Villen in Parkanlagen mit massiven Säulen waren da zu sehen.

Das Navi führte mich dann aber unerbittlich zur richtigen Hausnummer, und nun konnte ich mir den Preis auch erklären. Ziemliches Abbruchobjekt, eine Bruchbude, innen zwar noch so hübsch, aber die Küche und die Teppiche arg schmutzig, die Räume sehr klein, erdrückend und überhitzt. Ein paar wirklich nette Jungs aus den USA begrüssten mich herzlich. Ich hielt freundlich den richtigen Social Distance Abstand. Aber es waren viele, „Yes, we live here quit crowdy“. Und von Spencer keine Spur, erreichbar nur per SMS.

Ich setzte mich an den Tisch, informierte mich nach dem Wifi Passwort… und suchte mir zum Erstaunen der lieben Jungs sofort eine neue Unterkunft.

Stornieren, für mich das erste Mal, und auch nicht unkompliziert. Und alles Geld war nicht mehr zurückzukriegen – das versuche ich dann später.

Ausserhalb der Stadt (56km weiterfahren) wurde ich fündig, Marple Ridge, ein Haus im Wald. Auch günstig. Gut, die Bilder versprechen auch mehr, als ich heute morgen entdeckt habe.

Aber immerhin, ich habe derzeit das ganze Haus für mich alleine. Es steht am Rand eines Natur- und Indianerreservates. Und es soll Bären geben. Ruhig gelegen und frische Luft.

Ich verbringe den Tag mit Videokonferenzen und mit Putzen, klaue neue Bettwäsche aus dem Schrank, desinfiziere fast das ganze Haus und putze die Küche so, dass ich alles dann auch anfassen und brauchen kann.

Da lass ich mich ein paar Tage nieder.


28.03.2020

Regnerisch und eher kalt. Aber ich schaue dem Wetter ja von Innen nach Aussen zu…

Stichworte im Telegrafenstil: — .. .-. / –. . …. – / . … / –. ..- – –..– / -.. .- -. -.- .

Gesundheitlich alles ok. Vormittags Live Chats. Mittag: Freue mich so richtig wieder kochen zu können. Spaghetti mit Gemüsesauce. Bären keine gesehen. Keine News vom Schiff, Container, Auto. Online Kurs im Lightroom (Programm um Fotos zu entwickeln), Fotobearbeitungsversuche. Ordnung in meinem Gepäck machen.

Heute bin ich ein Stubenhöck. Für morgen muss ich mir einen Schlüssel organisieren – habe ich nämlich nicht.

Ich freue mich natürlich über alle die Videochats. Das macht richtig Spass – und man fühlt sich augenblicklich in einer einsamen Waldhütte in Kanada mit euch, mit der Aussenwelt plötzlich wieder verbunden, wow, krass was heute alles möglich ist.

In der Schweiz hat sich nun die Sommerzeit eingestellt. Hier nicht: Jetzt ist die Zeitdifferenz -9 Stunden. Also wenn bei euch 18 Uhr bis 24 Uhr ist, dann sind die Zeiten optimal.


29.03.2020

Die neuen Zahlen erschrecken. Krise überall. Ich kann fast nicht mehr hinhören.

Umso schöner sind die kleinen Videokonferenzen und Internet Telefonate. Insbesondere die heutige Familienkonferenz hat mein Hüttendasein aufgehellt.

Und heute ist es nun bereits ein Monat her, dass Daniel und ich die gemeinsame Reise. Mit seiner Erlaubnis möchte ich hier seine Rückmeldung anhängen und blicke so gerne zurück – es hat mich so gefreut, das zu lesen:

Hoi Heinz, es hat mich gefreut, dich gestern wieder zu „sehen“, klar ist es nicht das Gleiche, trotzdem möchte ich diese WA-VK mit vier Teilnehmern weiterführen. Ich werde noch eine WA-Gruppe dazu zusammenstellen. 

Ich würde jederzeit wieder mit dir reisen wollen. Habe mich immer sicher bei dir gefühlt und war froh, dass du mich aus der Reserve gelockt hast, trotz meiner manchmal anfänglicher Skepsis. Auch die tiefgründigen Gespräche haben bei mir neue Gedankengänge angeregt.
Etwas Besseres hätte ich mir nicht vorstellen können; eine gute Mischung zwischen Abenteuer und zwischendurch auch ganz normale Touristensehenswürdigkeiten entdecken.
Wir haben uns aus meiner Sicht sehr gut ergänzt und verstanden, manchmal verrückt, wenn uns Sachen fast gleichzeitig in den Sinn kamen und wir diese ansprachen.
Nochmals ein ganz grosses Dankeschön für diese wunderbare Reise und die Zeit, die ich mit dir verbringen durfte. 

E liebe Gruess und bliib gsung!, Daniel

Herzlichen Dank Daniel. Ich wünsche allen gute Gesundheit und alles Gute.


30.03.2020

Diese Corona-Self Isolation und die viele Zeit im Hüttchen drin könnten aufs Gemüt schlagen. Tun sie aber nicht. Denn die vielen Messenger und WhatsApp Kontakte sind kurzweilig und lustig. Zudem gibt’s auch einige Mails zu schreiben. Es gibt so viele liebe Menschen auf der Welt… Und spannend ist, dass ich gerade jetzt mit vielen eher eine Verbindung habe, als während der Aufenthalte in der Schweiz. Ob da wieder etwas Zeit und Musse eingekehrt ist? Die gegenwärtige „Coronanemie“ scheint doch den bis anhin bekannten Alltag aufzulösen und schafft Raum für einen gesellschaftlichen Neubeginn.

Doch am Nachmittag muss ich trotzdem ein wenig an die frische Luft. Und ich merke halt schon, wie wichtig es ist, draussen auch mal „Hans-Guck-in-die-Luft“ zu spielen, nach oben zu schauen, die Frühlingsbäume und die Vögelchen, die ganze Schönheit der Natur zu betrachten, zu stolpern und zu lachen.

Und ich habe das fröhliche Pfeifen wieder entdeckt, denn es hat auf einem Hinweiseschild gestanden, dass man der Bären wegen Lärm machen soll.

Und da ich keine Glöckchen und auch keine Bratpfanne mit dabei habe, pfeife* ich eben. Und nicht mal aus dem letzten Loch.

*Silke meint, ich solle singen – das würde auch die grössten Bären vertreiben… 😉


31.03.2020

Jeder Tag verändert die Situation. Ich habe keine Ahnung, wie das weitergehen soll. Lassen wir uns überraschen.

7000 Covid-19 Fälle werden in Kanada bisher bestätigt. Die kanadischen Streitkräfte „bereiten sich vor“, um die Bemühungen der Regierung gegen die Pandemie zu unterstützen, das heisst die Ausbreitung zu verlangsamen und bei der Logistik zu helfen.

Ich finde zwar keine offizielle Bestätigung, aber offenbar wird das Reisen zunehmend untersagt. Und wenn man über die Provinzgrenzen fahre, so müsse man sich dann erneut in die Self-Isolation begeben.

Die Air Canada hat die vorübergehende Entlassung von rund 16500 Mitarbeitern bis April und Mai angekündigt. und fliegen tun die nun kaum mehr.

Ab Montagmittag ist das Reisen in Zügen, Bussen und Flugzeugen für Menschen mit Symptomen bei hoher Strafe verboten. Ich freue mich, wenn ich dann wieder das eigene Auto habe.

Die Polizei im ganzen Land erhält Anrufe von Menschen, die Nachbarn beschuldigen, gegen die Richtlinien zur Selbstisolation verstossen zu haben. In Vancouver gibt es Bedenken, dass die zahlreichen Anrufe die 911-Leitung verstopfen könnten. Gut ist meine Self-Isolation ohne Symptome heute endlich abgeschlossen.

Allgemein sagt man, dass Kanada „soweit alles richtig gemacht“ habe, aber die grösste Herausforderung bestehe weiterhin, milde Fälle der Krankheit zu identifizieren und zu isolieren. Das sind ähnliche Strategien, wie in der Schweiz. Auch hier will man die Kurve möglichst flach halten.

Ich habe auch mit der Familie meines Bruders in Alaska häufiger Kontakt und höre hier auch News aus den USA. Wow, die sind schrecklich! Und diese Grenze bleibt auch für mich vorläufig geschlossen.

Der Tourismus in Alaska ist ein sehr wichtiges Geschäft. Auch die Familie meines Bruders ist abhängig hiervon. Eine von 10 Personen arbeitet in dieser Branche. Bis auf weiteres wird der Tourismus aber nicht mehr möglich sein – und die Saison ist kurz, sie endet im September.

Darüber hinaus sind viele vom Tourismus abhängige Teile Alaskas auch auf die saisonale Fischerei angewiesen. Diese Fischereien haben internationale Lieferketten und Arbeitskräfte, die wahrscheinlich durch den COVID-19 Ausbruch nicht mehr funktionieren werden. Auch die Vermarktung ihrer Produkte in Übersee ist durch die Pandemie beeinträchtigt.

Das dritte Standbein Alaskas ist die Ölförderung. Und da sind die Preise ja auch  eingebrochen.

Die grösste wirtschaftliche Keule ist in den USA jetzt erst im Anmarsch, wenn das öffentliche Leben zusammenbricht.

In dieser stark gespaltenen Gesellschaft, mit einem Gesundheitssystem das für viele unzugänglich ist, mit dem Leben auf Pump, mit einem Präsidenten, der mehr Hass als etwas anderes sät, und mit den vielen Waffen im Umlauf* sind die Herausforderungen echt krass. Mal schauen, ob Amerika auch diesmal wieder mit neuen Ideen überrascht.

*(es seien in den letzten Tagen massiv viel mehr gekauft worden, zehnmal mehr als sonst. Es würden sich Schlangen vor den Waffenläden bilden. Und das in einem Land, in dem es mehr Schusswaffen gibt als Einwohner, in dem pro Tag im Schnitt rund hundert Menschen durch Schusswaffen ihr Leben verlieren. Das sind eher düstere Aussichten).

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