Berichte 16.10. – 31.10.2018

16.10. bis 21.10.2018

Nun, jetzt bin ich also wieder in Darwin, Australien.

Die ganze Reise erweist sich doch als eine Art Odysee. Ich habe einen sehr günstigen Flug in die Schweiz und zurück bei Finnair gebucht, damals im Mai in Darwin.

Für den Rückflug nach Australien ist dann die Eurowings und die Jet Star zuständig.

Nun, bis Köln verläuft ja alles auch pünktlich. Die nächste Maschine über Bangkok aber hat dann sieben Stunden Verspätung. Wir werden mit einem 15€ Gutschein vertröstet. Und alle weiteren Anschlüsse über Bangkok und Singapur werden denn netterweise auch umgebucht.

Anders als beim Flug mit Finnair in die Schweiz, hätte man bei Eurowings das Essen gesondert bestellen müssen. Das habe ich übersehen und so etwas unfreiwillig meine erste Fastenzeit eingeläutet. Schadet ja nichts. Gut, zugegeben, in Thailand und Singapur habe ich das längst wieder kompensiert.

Eurowings werde ich also tunlichst nicht mehr buchen.

Nun, frühmorgens um 5 Uhr am Montag erreiche ich endlich Darwin – und ich fühle mich gleich wie zu Hause. Ich werde von der Familie von Tina freundlich und überaus herzlich empfangen. Diese Familie habe ich im Mai zunächst über Airbnb kennengelernt, Tina ist Schweizerin und wohnt schon viele Jahre hier in Australien. Hier im Garten habe ich auch das Red Camel abgestellt.

Paddy, das ist der grosse, wachsame Hund, der mir das Rote Kamel gehütet hat, bellt nicht mal. Erfreut tänzelt er um mich herum. Die lieben, noch etwas verschlafenen beiden Jugendlichen bekunden ihre Freude und umarmen mich herzlich. So schön.

Am Nachmittag packe ich das Kamel aus seinen Hüllen, alles ist top und trocken. Und der Motor springt mit dem ersten Kick an. Tina hat die Batterie ja auch fleissig an das C-Tek Gerät angeschlossen.

 

22.10.2018

Nachts ist es warm, aber gut auszuhalten. Gegen Morgen sinken die Temperaturen auf 28°, tagsüber steigen sie dann auf 33°. Ich finde es angenehm. 

An der Sonne zu arbeiten ist jedoch wirklich etwas heiss, so decke ich die Windschutzscheibe geradewegs wieder ab, denn ansonsten könnte das Kamelinnere binnen Sekunden als Backofen wirken.

Mühelos kann ich das Auto von den Böcken bringen.

 

23.10.2018

Viele Leute hier sind sehr hilfsbereit und nett. Die Verbindlichkeit aber ist so eine Sache in Australien… Im Mai habe ich mit einem Mechaniker in der Nähe Termine abgesprochen. Heute hat sich herausgestellt, dass er für die nächsten sechs Wochen verreist ist.

Kein Problem, ich wende mich an die Facebook Gruppe Troopcarriers (so heissen die anderen Rad-Kamele hier) of Australia, und schon bald werden mir Referenzen zugesandt. Ich beschliesse so den „Steve Mechanic“ aufzusuchen. Übrigens: alle nennen hier nur ihren Vornamen.

Und das Kamel trottet seit langem wieder einmal, ganz hübsch und problemlos. 39km sind zu bewältigen, und irgendwo nach längerem Suchen im Outback finde ich dann so eine Halle. Dass man hier auch nur wohnen kann, Wahnsinn die Distanzen zwischen den Häusern. Und Orte gibt’s da gar keine richtigen mehr. Schilder schon. Aber Fragen ist schwieriger, man muss zuerst ein Gate passieren, viele kläffende Hunde hinter sich lassen und beim Hof vorfahren.

Gut, Steve gefunden – und so lasse ich das Kamel bei Steve stehen, ich habe grosses Vertrauen. Nach der Besprechung möchte ich zurück nach Jingili in meine Unterkunft. Aber wie denn? No Bus, no Public Transportation. Die nächste Möglichkeit ist in Palmerston, und das sind doch mehr als 20km.

Ich muss dann aber nicht zu Fuss dahin, denn nach einer Stunde besucht eine „Young Lady“ mit ihren zwei Babys die Werkstatt. Der Schaden an ihrem Auto ist nur klein, und so nimmt sie mich nach Palmerston mit. Sie würde dann die Fahrt mit einem Einkauf verbinden, so sagt sie.

24.10.2018

Die Mails beantworten, den Strassenzustand abrufen, mit der Garage und den ARB telefonieren, Webauftritt bearbeiten… und schon ist es Mittagszeit. Irgendwie habe ich meinen Magen wieder etwas verdorben, aber noch nicht so schlimm, dass die gedörrten Heidelbeeren aus der Drogerie in Wichtrach eingesetzt werden müssten.

Die gedörrten Heidelbeeren hat mir Jürg, der Käser von Noflen, liebenswürdig vakuumiert.

Denn die Zollbehörden in Australien sind ja sehr streng, insbesondere was die Einfuhr von Lebensmitteln angeht. Nun, Ich habe auf dem Deklarationspapierchen alles getreu angegeben, die Heidelbeeren, das Teebaumöl von Kari, die Chinesische Medizin, das Kartoffelstockpulver… davon ausgehend, dass das eine oder andere beschlagnahmt werden könnte. Zunächst wurde ich über das deklarierte Zeugs befragt, der Drogenhund wedelte freudig aber desinteressiert an meiner Tasche vorbei, ich kriegte einen ersten Stempel,… und dann haben die Beamten mich irgendwie ganz schnell loswerden wollen. Ein Zöllner in der Reihe 2 guckte auf mein Papier und meinte, ich würde in einer falschen Reihe stehen und zeigte auf die Reihe links. Gehorsam habe ich mich nach ganz aussen links verschoben, und die freundliche Beamtin meinte, hier sei ich auch falsch, und schon begleitete sie mich zur Ausgangstüre.

 

25.10.2018

Leise schwirrend drehen sich die Blätter der riesigen Ventilatoren im ganzen Haus. Im Wohnraum hat es drei, im Entree zwei, in der Küche und in jedem Zimmer mindestens einen. Ich finde das regelmässige Geräusch beruhigend, man spürt nicht nur, wie die Luft bewegt wird, man hört es auch. Das surrende Ding begleitet mich durch die ganze Nacht über meinem Bett, ich erlebe ich sehr angenehm. So habe ich mir als Kind das Leben in einem tropischen Haus immer vorgestellt.

Das einzige Übel: Beim schwungvollen T-Shirt über den Kopf ziehen sollte man etwas Achtung geben.

Heute besuchen wir den letzten Markt in diesem Jahr – über den Winter, das heisst über die Regenzeit, wird dieser eingestellt. Ein lustiges Treiben, mit Musik und tollen Essenständen, mit touristischen Angeboten und viel Klamauk… und vor allem auch asiatischen Fressbuden. Tja…

Spät abends beim Mondesschein setze ich mich in den Pool, rabengrosse Fledermäuse flattern über meinem Kopf und schirmen das Mondlicht immer wieder ab. Das sind die Tierchen, die mir auf die das Kamel abdeckende Plane so gruselig gekackt haben…

 

26.10.2018

Letzte Nacht hat es erstmals heftig gewittert, und auch geregnet.

Vormittags Administration, dann ist Bunnings Warehouse an der Reihe, am Nachmittag besuche in das Einkaufszentrum, um meine Zweitbrille reparieren zu lassen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind modern, oftmals sogar mit gratis WiFi ausgestattet. Die Wochenkarte ist günstig, für 20 AUS $ (das sind etwa 16.- CHF) kann man unbegrenzt im ganzen Stadtnetz fahren .

Aber es verkehren eher wenig Busse. Auf der Buslinie 10 fährt alle 30 Minuten ein Bus, ab zehn Uhr abends gar keiner mehr, bei manche Linien ist schon um sechs Uhr abends fertig.

In Darwin ist alles auf Autos ausgelegt. Die Kaufhäuser sind nicht immer leicht erreichbar, nicht selten sin die Unternehmungen mehrere dutzend Kilometer irgendwo im Outback. Ähnlich wie in der Velostadt Münsingen kauft man mit dem Auto im Supermarket ein.

 

27.10.2018

Heute setze ich mich zunächst mit all den giftigen Tierchen aus der Region auseinander. Ja, natürlich nicht live, die sind ausgestopft und ausgestellt im Museum. Aber es ist ja schon von Vorteil, wenn man mal so eine Rotrückenspinne aus der Nähe ansehen kann, ohne dass die gerade auf einem zu krabbelt. Die Bisse können nämlich tödlich sein.

Auch habe ich gelernt, dass mindestens zwei Drittel aller Schlangen giftig seien. Und die giftigsten der Welt in Australien zu Hause sind. Ich werde mich hüten, mit den Schlangen zu spielen… Und hohe Schuhe habe ich auch schon. Jetzt ist nur noch wichtig, dass man diese nicht über die Nacht unter das Auto stellt. Sonst hat man bestimmt einen Skorpion oder Tausendfüssler drin.

Und auch Schneckenhäuschen werde ich nicht mehr sammeln, es soll sogar hochgiftige Schnecken geben. Und die Quallen, und die Steinfische, und die Krokodile…

Im oberen Stock des Museums erhole ich mich von den beschriebenen Giftdosierungen und lasse ich mich von der Kunst der Aborigines beeindrucken. Australische Ureinwohner haben keine eigene geschriebene Sprache, und so basieren die wichtigen Geschichten, die für die Kultur der Menschen von Bedeutung sind, auf den traditionellen Symbolen und Informationen in Kunstwerken. Die Werke erzählen Geschichten, über Tanz oder Gesang, helfen wichtige Informationen weitergeben und ihre Kultur bewahren. 

Am Abend darf ich mit Leila, Noah, Tina, Henry, Uschi und Esther an der Nomination der Sportler des Jahres teilnehmen. Leila ist eine der „Junior Female Athlete“ von Darwin. 

 

28.10.2018

Linksverkehr, überall… Auf den Strassen ist das ja klar. Auch in Fussgängerzonen, in Kaufhäusern, auf den Gehwegen und Rolltreppen kann ich das nachvollziehen. Und häufig bin ich schon auch in Eingangsbereichen fast mit Leuten zusammengestossen. 

Aber dass das „Links“ sogar in den Schwimmbädern so streng gehandhabt wird, das habe ich erst heute erfahren. Denn heute ist Sonntag, wir gehen in die Badi.

Das Bad ist in Schwimmbahnen aufgeteilt, „Keep Left“ zeigen die die Schilder. Lustig.

Das Schwimmbad ist heute Sonntag nicht sehr gross besucht. Auf meine Frage hin die Antwort: Ja, hier ist es eben jeden Tag sonnig und heiss. Und so sind Schwimmbäder halt nichts Spezielles.

Beeindruckt hat mich insbesondere, dass das ganze Schwimmbad mit Sonnensegeln abgedeckt ist.

Hautkrebs stellt in Australien ein sehr grosses Problem dar. Aufgrund des Ozonlochs ist die Gesundheit der Menschen schwer betroffen. Viele AustralierInnen scheinen sich mittlerweile darüber bewusst zu sein und tragen freiwillig Hüte und lange Kleidung. Aber auch das Verwenden von Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor oder gar Sonnenblocker hat sich durchgesetzt. Sonnencreme mit dem Faktor 30+ stellt in Australien keine Besonderheit dar, im Gegenteil, es ist sogar schwierig, einen niedrigeren Lichtschutzfaktor in den Geschäften zu finden.

 

29.10.2018

Heute Nachmittag erreicht mich endlich das Telefon von Steve Mechanic. Kurz nachdem ich vom Einkaufszentrum zurückgekommen bin.

Er teilt mir erfreut mit, das Auto sei fertig, Reserveradhalterung angeschraubt, Öle gewechselt und alles geschmiert… Aber das neue Handbremsseil hätte er nicht montiert. Und den Moskitoschutz vor dem Kühler auch nicht. Er hätte keine Zeit mehr, er müsse auch noch andere Autos machen.

Wohlverstanden: Steve hat von mir eine detaillierte Liste und das Material (ausser Öl) bekommen, und wir haben abgemacht, dass er alle diese Arbeiten machen werde.

Also, die Zuverlässigkeit hier ist definitiv speziell. Auch die Reservebrille, die heute im Kaufhaus hätte zur Ansicht eintreffen sollen, ist natürlich nicht da.

Die Mentalität vieler Australier, die ich hier antreffe, ist einerseits durchaus lobenswert. Mit ihrem unverkennbaren „No worries“ auf den Lippen sind sie immer freundlich, sehr offen, unbürokratisch und hilfsbereit. Es gibt aber wie gesagt auch die Schattenseite davon.

Das „No worries“ heisst eben nicht nur „ja“ oder „Keine Bange“, oder „Keine Ursache“, sondern durchaus eben auch „vielleicht, oder vielleicht aber auch nicht“. So erfahren bei der Feder Bestellung ARB, bei der Brillenbestellung, in den zwei Garagen, in der Versicherungsadministration…

Gut, ich bin ja lernfähig, und mit der Zeit werde ich wohl auch mit dieser Schwierigkeit arrangieren können… No worries!

 

30.10. 2018

Zuerst erzählt der junge, freundliche Mann mit Brille am Schalter 05 im Motor Vehicle Registry (MVR) ganz viel. Ich würde einen neuen Fahrausweis bekommen, man müsse diesen aber erst verifizieren, beglaubigen, dann einen Australischen Fahrausweis ausstellen, dann werde man das Auto prüfen, ich würde die Nummern mit Australischen Nummern austauschen müssen, NT Nummern, und dann dürfe ich 5 Monate frei herumfahren.

Ich höre aufmerksam zu, um dann richtig Australisch reagieren zu können: „No worries though, there is an easier way I guess.¨

Findet er aber zunächst gar nicht, geht aber dann doch eine ältere Kollegin fragen.

Und plötzlich ist alles ganz anders. Natürlich könne ich mit dem Internationalen Ausweis herumfahren, Schweizer Nummern behalten, einfach das Auto morgen um 9 Uhr prüfen, Lane 02, pünktlich sein, und hier … noch die 3 Formulare zum Ausfüllen, dann bitte mitnehmen. Also, bis morgen… No worries…

 

31.10.2018

Lane 02, pünktlich um neun kommt eine freundliche junge Dame und schaut sich das Kamel an. Sie ist von meiner Reise und dieser Reiseidee sehr angetan und staunt, wie gut und sauber das Auto aussieht. Ich erzähle über die Putzaktion, die notwendig war, um das Kamel möglichst rasch aus der Quarantäne zu bringen. Und nun geht alles eigentlich recht schnell, nur bei der Motoren Nummer Suche hat sie etwas Schwierigkeiten.Und ich muss eingestehen: Obwohl ich ungefähr weiss, wo die steht – gesehen habe ich diese noch nie wirklich. Bremsen, Licht, Lenkung, Untersicht, Gurtenstraffer sind in Ordnung und ich bekomme das wichtige Dokument. Und mit diesem Dokument wird gegen 165 $ die Registration und die Versicherung ausgehändigt. Und nun fahre ich ganz legal in der Gegend herum. Ganz ohne Versicherung über all die Strassen zu fahren, da war mir tatsächlich nicht wohl.

Am späteren Vormittag bin ich in Tinas Schule eingeladen. Die Idee ist, dass ich über meine Reise als „Adventurer“ erzähle und Bilder zeige. Tina unterrichtet eine kleine Klasse mit lernbehinderten Kindern.

Die Schule ist eine Quartiersschule – und scheint mir sehr gross. Zunächst wirkt alles wie eine Art Hochsicherheitstrakt. Hohe Sicherheitszäune, Gitter und Tore, überwachte Eingänge, Fotoverbot…  und kaum stehe ich nach einer Schleuse im Eingangsbereich, werde ich auch schon freundlich gefragt, was ich hier möchte. In Glasräumen beim Eingang sind Büros und Besprechungen finden statt. Doch da rennt mir schon die liebe Klasse von Tina entgegen und begleitet mich zum Unterrichtsraum. Unterwegs sieht alles plötzlich ganz anders und freundlich aus, alle Lernbereiche sind offen, bunt, Klassenzimmertüren fehlen, an allen Ecken und Enden wird gearbeitet, teils an Computern, in grossen und kleinen Gruppen, mit und ohne Lehrerinnen und Lehrer,  alles wirkt ruhig und diszipliniert und doch sehr aufgestellt. 

Ich fühle mich in der Klasse sehr wohl, Tina und die anderen beiden Lehrpersonen haben einen angenehmen und förderlichen Unterrichtsstil. Und sehr bald finden wir uns in einem spannenden Gespräch  – die Kinder haben auch einige Fragen vorbereitet. Wir schauen uns zwei Bildersequenzen an, und dann darf ich vor den Schulportalen das „kürzlich legalisierte“ Kamel vorführen… einfach schön, der heutige Tag.